Kultur : Perlen züchten

SOUL

Thomas Thiel

Soul? Das ist doch eine uramerikanische Angelegenheit für tiefkehlige Stimmen schwarzer Diven! Ein deutscher Soul-Abend lässt also nicht erst seit Xavier Naidoo einiges befürchten: Stefan Gwildis , der charismatische Hamburger, hat das Kesselhaus der Kulturbrauerei mit seinen deutschen Versionen großer Soulklassiker jedoch schon mal auf mittlere Betriebstemperatur gebracht. Noch herrscht ein bisschen Pilsbar-Atmosphäre. Ein paar eingefleischte Gwildis-Fans mit Schnurrbart und Westernhemd haben ihren Star gesehen und ziehen nach dem Vorprogramm ab. Ein klarer Fehler. Denn jetzt betreten Cultured Pearls die Bühne, und alles wird eine Spur weltläufiger, variabler, urbaner. „Cultured Pearls“ gibt es seit zehn Jahren. Kürzlich haben sie ihre erste Best of („Pearls of a decade“) herausgebracht und jetzt ihre „0049 –S–O–U–L– 2003 Tour“ gestartet.

Sie sind ein perfekt abgestimmtes Ensemble mit brillanten Soloparts. Ein frenetischer Trompeter schraubt sich wellenartig nach oben. Ein Leadgitarrist deliriert in sanfter Soloekstase. Ein Percussionist trommelt sich in die Millisekundenrhythmen. Dazwischen, davor und dahinter die sanft röchelnde Stimme von Astrid North, einer schwarzperligen Schönheit mit Löwenmähne, die hilflos durch ihre Ansagen stolpert. Zurück zur Musik also, schnellstmöglich. Wie in einem fein justierten Uhrwerk greift hier alles ineinander, wabernde Orgelakkorde, ploppende Gitarrenriffs, wirbelnde Percussions. Musik kann so einfach sein, wenn man sein Handwerk beherrscht. Da braucht man keine falsche Theatralik, keine intellektuellen Gabelstapeleien und kein pseudoreligiöses Geschwurbel. Am Ende ein sanft flirrendes fade out. Steife Hüften werden gelenkig. Deutschland hat den Soul.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben