Perspektive Deutsches Kino : Erster Rausch, erster Sex

Starke Dokumentationen und aufregende Spielfilme: In der "Perspektive Deutsches Kino" gibt es einiges zu entdecken.

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Aus der Balance: Azubi Jan (Josef K. Bundschuh) bespitzelt seine Kollegen. Auch Jenny (Anke Retzlaff), in die er sich verliebt, arbeitet in seinem Büro.
Aus der Balance: Azubi Jan (Josef K. Bundschuh) bespitzelt seine Kollegen. Auch Jenny (Anke Retzlaff), in die er sich verliebt,...Foto: Frank Dicks

Filmemachen erfordert mal mehr, mal weniger Kompromisse. Umso schöner ist es, wenn auch skurrile Projekte realisiert werden können. Unter den elf Erst- und Zweitfilmen, die die neue Sektionsleiterin Linda Söffker zum zehnten Jubiläum der Perspektive Deutsches Kino eingeladen hat, ragt „Kamakia – die Helden der Insel“ in dieser Hinsicht hervor. Dokumentarfilmer Kosta Rapadopoulos sucht nach den letzten „Kamakia“, also griechischen Adonissen, die sich in den Sechzigern und Siebzigern um die Bedürfnisse der sexuell befreiten „blonden“ Touristinnen kümmerten. Der Witz: Die Recherchen und Gespräche mit den noch immer höchst selbstbewussten Inselhelden sind zwar authentisch – Kosta Rapadopoulos allerdings ist eine beknackt aussehende Handpuppe, geführt vom tatsächlichen Regisseur Jasin Challah. Die Comedy-Doku steht formal zwischen den Stühlen – und ist gerade deshalb die lustigste halbe Stunde der Sparte.

Auch Nicolas Steiner vertraut in „Kampf der Königinnen“, einer in Schwarz-Weiß gedrehten Doku über einen traditionellen Schweizer Kuhkampf, kompromisslos seinem Thema. Der zauselbärtige Bauer mit seiner Prachtkuh, die Mopedgang – und später, in extremer Zeitlupe, die Zusammenstöße der massigen Tiere inklusive fliegender Speicheltropfen und wegsirrender Fliegen. Das wirkt wie ein Gruß aus einer archaischen Welt.

Das Thema von Selbst- und von Fremdbestimmung zieht sich durch die diesjährigen Perspektive-Beiträge. So in Elke Haucks „Der Preis“, in dem der junge Architekt Alex aus Westdeutschland in die thüringische Kleinstadt seiner Kindheit zurückkehrt, um dort Plattenbauten zu modernisieren. Die Dienstreise wird zu einem Trip in die Vergangenheit, der Fragen nach Schuld, DDR- Mitläufertum und Verrat aufwirft. Mehrfach auftauchendes Sinnbild: die von Ulrich Müther gebaute Rettungsstation in Binz auf Rügen, die wie ein Ufo am Strand steht, fremd und isoliert wie Alex in seiner alten Stadt.

Mit DDR-Schuld beschäftigt sich auch die sehenswerte Doku „Vaterlandsverräter“ von Annekatrin Hendel. Sie porträtiert den greisen, trinkfreudigen, bisweilen aber scharfsinnig ätzenden Schriftsteller Paul Gratzig, der zu DDR-Zeiten Stasi-IM war, sich jedoch Mitte der achtziger Jahre selbst enttarnte. „Schädlich für die DDR“ seien die Spitzeleien gewesen, sagt Gratzig, da habe er nicht mehr mitmachen wollen. Echte Reue jedoch kann er auch nicht empfinden.

Auch der 20-jährige Azubi Jan in Dirk Lütters „Die Ausbildung“ ist ein Spitzel. Er beobachtet Kollegen, liefert dem von ihm bewunderten Personalchef Argumente für Entlassungen. Jan ist Täter, aber auch Opfer, jemand, der sich zwischen „Performance-Indikatoren“ und „Entwicklungsfeldern“ selbst sucht. Ein ruhiger, genauer Film über die Zurichtungen in der heutigen Arbeitswelt, über die Sehnsucht nach einem Platz in der Welt. Zum Schluss singt der Angestelltenchor: „Für ein noch viel besseres Leben“.

Aber was ist das eigentlich? Auch die Verkäuferin Lena in dem Kurzfilm „weißt du eigentlich dass ganz viele blumen blühen im park“ irrt durchs Leben, dffb-Absolvent Lothar Herzog erzählt von verlorenen Haltepunkten. Davon, wie Lena sucht und nichts findet, von ihrer Beziehung, von Misstrauen und Machtspielen. Der Film zirkelt die junge Brandenburgerin ein, lässt sie und den Zuschauer, recht stimmungsvoll, in der Ratlosigkeit allein.

Wo knüpft man an? In dem 30-Minüter „Eisblumen“ (Regie: Susan Gordanshekan) findet der junge Bosnier Amir, der illegal in Deutschland lebt, einen Job als Pfleger bei der demenzkranken Frau Osterloh. Die beiden nähern sich einander an, Amir denkt sich immer neue fiktive Leben aus, findet in der alten Frau einen Mutter-, einen Großmutter-Ersatz: Zwei Außenseiter, zwei Heimatlose, die sich gegenseitig Halt geben.

Ein bisschen wie in „Lollipop Monster“, dem Regiedebüt der Berliner Comiczeichnerin Ziska Riemann, die das Drehbuch zusammen mit Luci von Org geschrieben hat. Erzählt wird die Coming-of-Age-Geschichte zweier Freundinnen, des schwermütigen Emo-Mädchens Oona und der Lollipop-Lolita Ari. Erster Rausch, erster Sex, erster Mord, Kloppereien mit dem Bruder, überforderte Eltern, dazu ein bissiger Soundtrack und wilde Bilder, comichaft überzeichnete, bisweilen trashig bonbonbunt inszenierte Figuren – alles andere als „Berliner Schule“.

Ihr eigenes Ding machen, gegen alle Widerstände – das wollen die drei gerade mal volljährigen Jungs von der Hamburger Punkband 1000 Robota. In ihrem 90-minütigen Dokumentarfilm „Utopia Ltd.“, dem Eröffnungsfilm der Perspektive, begleitet die Regisseurin die Band beim Einstieg ins Musikbusiness. Erste Platte, erster Erfolg, erster Krach: Wieso reden uns eigentlich immer alle rein? Müssen wir bei Stefan Raab auftreten, auch wenn wir keinen Bock drauf haben? Die Musiker träumen von einem Leben, in dem man „das Geld so verdient, dass man am wenigsten davon angenervt ist“ – schlichter und schöner kann man es nicht sagen. Sandra Trostel ist, auch dank der tollen Protagonisten, ein kraftvoller, eindringlicher Film gelungen. Bei dem großen Einsatz und der großen Ernsthaftigkeit, wie sie 1000 Robota zeigen, muss man sich um die Jugend von heute keine Sorgen machen.

Alles auf Hoffnung also – auch in anderen gesellschaftlichen Konfliktgebieten? Die Doku „Rotkohl und Blaukraut“ (Regie: Anna Hepp) über zwei türkisch-deutsche Ehepaare in Marl/Hamm jedenfalls zeigt eine sympathische Ruhrpott-Welt, in der kulturelle Unterschiede höchstens mal ein bisschen anstrengend sind. Familie ist eben Familie, Punkt. Das lässt sich trefflich als gesellschaftliche Parabel lesen, wäre aber viel zu hoch gehängt für dieses fröhliche Integrationslehrstück.

In ihrem kurzfristig als Gastbeitrag eingeladenen Doku „Stuttgart 21 – denk mal!“ zeichnen Lisa Sperling und Florian Kläger mitreißend parteiisch den Widerstand gegen das Bahnhofsprojekt in Stuttgart und die damit verbundene Entwicklung einer der größten Bürgerinitiativen in Deutschland in jüngerer Zeit nach. Am 27. März wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Wenn das mal keine Perspektive ist.

Die Punkband hat keinen Bock, bei Stefan Raab aufzutreten – warum reden immer alle rein?

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