PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO : Jugend ohne Tugend

Achterbahnfahrt mit Außenseitern: Die Helden der Perspektive Deutsches Kino wissen nicht, wohin mit sich.

Julian Hanich
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Goldene Jugend. Rebellion in der norddeutschen Provinz zeigt Lars Jessens Film "Dorfpunks". -Foto: Berlinale

Und nun die weiteren Aussichten: Während sich das freundliche Hoch über dem Saarland auflöst, rückt ein kaltes Tiefdruckgebiet nach Ostdeutschland vor. Der Himmel über Berlin ist vielfach stark bewölkt, nur selten zeigt sich die Sonne. Die Prognose für die kommenden Tage: Nachdem sich das deutsche Nachwuchskino vergangene Woche beim Saarbrücker Max-Ophüls-Preis noch von einer freundlichen Seite gezeigt hat, ist die „Perspektive Deutsches Kino“ grau und verregnet. Wie erklärt sich ein derartiger Wetterumschwung innerhalb weniger Tage? Ein wichtiger Grund ist das enge Zusammenrücken der Festivals von Saarbrücken und Berlin. Da mit Ausnahme des Saarbrücken-Gewinners kein Film auf beiden Festivals laufen soll, kommt es Ende Januar, Anfang Februar zu einem Gerangel um die besten deutschen Nachwuchsfilme. In diesem Jahr hat Berlin eindeutig die schlechteren Karten gezogen.

Zwar gab es mit über 300 Einreichungen so viele Bewerber wie noch nie. Doch Programmleiter Alfred Holighaus sagt selbst: Ein zufriedenstellendes Programm sei nicht einfach zu organisieren gewesen, gerade was die Langfilme betrifft. Bemerkenswert dabei: Von den dreizehn Filmen dauern nur zwei länger als 90 Minuten. Fünf Filme sind sogar nach weniger als 35 Minuten zu Ende erzählt. Von guter Kondition zeugt diese Kurzatmigkeit nicht. Auch formal gibt es keinen Film, der an „Perspektive“-Vorgänger wie „Drifter“, „Neun Szenen“ oder „Netto“ heranreichen würde. Aufregend wird es nur dann, wenn sich die Filmemacher dicht an die Fersen ihrer Figuren heften und deren zielloses Herumtaumeln zum Thema machen. Perspektivlosigkeit ist natürlich nicht das schlechteste Motto für diesen wenig richtungsweisenden Perspektive-Jahrgang.

Als Höhepunkt sticht zweifellos Peter Dörflers Dokumentarfilm „Achterbahn“ heraus. Der 41-jährige Regisseur verfolgt das wilde Auf und Ab des Schaustellers Norbert Witte, der es als Betreiber des Spreeparks zu zweifelhafter Prominenz in Berlin gebracht hat. Im Jahr 2001 ging Witte mit seinem Freizeitpark im Plänterwald pleite. Er lud der Stadt Berlin einen Riesenpacken Schulden auf und setzte sich dann nach Peru ab. Bei seiner Rückkehr hatte er eine Ladung Kokain im Gepäck – die nicht unentdeckt blieb. Die Konsequenzen für die Familie waren heftig. Dem Regisseur ringen Wittes Frau und Tochter einige bewegende Aussagen ab. Der Rest der abenteuerlichen Geschichte erzählt sich beinahe von selbst.

Ähnlich geht auch Anna Deutsch in ihrer amüsanten Dokumentation „Gitti“ vor: Sie gewinnt das Vertrauen ihrer Hauptfigur. Stellt ein, zwei Kameras in deren Pankower Wohnzimmer auf. Und lässt Gitti einfach loslegen. Die rüstige Quasselstrippe – Typ: 70 Jahr’, blondes Haar – verfolgt mit energischem Eifer die Hausse und Baisse auf dem Partneranzeigen-Markt. Selbst wenn die Kurse mal in den Keller fallen, bleibt die Berliner Schnauze mit Schuss gut gelaunt. Dabei offenbart Gitti einen enormen Drang zur Kamera, der bisweilen an die Schamgrenze heranreicht. Davor hätte sie die Regisseurin in Schutz nehmen sollen. Nicht jede Entblößung ist auch enthüllend.

Der Hamburger Filmemacher Elmar Szücs trifft in seinem Dokumentarfilm „Wir sind schon mittendrin“ drei seiner Schulfreunde wieder und stellt dabei fest: Die drei Spätzwanziger suchen händeringend nach einem Sinn im Leben. Alle drei sind zerrissen zwischen der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und Familie, nach Freiheit und Sicherheit. Das ist als Diagnose einer generationenübergreifenden Quarterlife Crisis treffend, hat aber einen Nachteil: Auf den Hofer Filmtagen lief mit Marko Doringers „Mein halbes Leben“ erst kürzlich ein Film, der sich dem Thema auf identische Weise nähert, es aber munterer und ironischer auf den Punkt bringt.

In Thomas Siebens „Distanz“ entwickelt sich aus der Ziellosigkeit der Hauptfigur sogar ein handfestes Drama der Entfremdung. Der wortkarge Protagonist blickt auf seine Umgebung wie ein Zugfahrender, der durch das Abteilfenster die Welt vorbeirauschen sieht. Eines Tages beginnt er, lustlos Passanten niederzuschießen. Leidet er an Wahnvorstellungen? Ist er ein ehemaliger Soldat mit Rückkehrer-Trauma? Der kühl erzählte Film lässt die Ursache im Dunkeln – was kein Nachteil sein muss. Da der Hauptdarsteller Ken Duken seine Figur aber weitgehend ausdruckslos anlegt, verliert sich der Zuschauer irgendwann in den unendlichen Weiten der Gleichgültigkeit.

Es gab einmal eine Bewegung, die unter dem Namen Punk das Verschwenden der Jugend zum Lebensprinzip erhob und sich bewusst ziellos am Rand der Gesellschaft herumtrieb. Lars Jessen greift mit „Dorfpunks“ auf einen Roman des Musikers Rocko Schamoni zurück und variiert dabei Motive aus seinem Erstlingsfilm „Am Tag als Bobby Ewing starb“: die Coming-of-Age-Geschichte; das langweilige Leben in der norddeutschen Provinz; die achtziger Jahre als ironisch gebrochener und zugleich nostalgischer verklärter Sehnsuchtsort. Das ist ebenso konventionell wie nett erzählt. Mit Konventionalität und Nettigkeit hatte Punk aber definitiv nichts am Hut.

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