Kultur : Perverse Hungerwelten

Niedlich ist kein Kompliment: Kerstin Grethers Roman-Debüt bulimisiert die Pop-Literatur

Nadine Lange

Pink ist die Farbe des Postfeminismus. Spätestens seit Musikerinnen wie Peaches und Pink zu pinken Höschen und Haaren unrasierte Achselhaare und Männerunterhemden tragen, ist die süßlich-kindliche Bedeutung durch ein sexy-wildes Image ergänzt worden. Sonja ist mit der Farbenlehre noch nicht so weit. Die Hauptfigur in Kerstin Grethers Debütroman „Zuckerbabys“ sieht Rosa noch in seiner ursprünglichen, niedlichen Bedeutung. Ihr Traum sind Frottee-Hotpants in Größe 32, Farbe: Baby.

Um ihn wahr zu machen, hungert die 23-jährige Grafikdesignerin und Hobbysängerin aus Hamburg. Sie glaubt, wenn sie sich reduziert, passt sie endlich hinein – in die schicken Klamotten und ins Leben. Grether zeigt die Magersucht als Versuch der Anpassung an ein partriachales, kapitalistisches System, das seine Forderungen ununterbrochen in Zeitschriften, Videos, Werbung und Filmen artikuliert. Sie untersucht es anhand eines fiktiven Pop-Mikrokosmos, in dem sich auch noch die All-Girl-Band Museabuse, das Model Melissa und die Musik-Journalistin Allita auf verschiedene Weise mit weiblichen Rollenvorgaben abkämpfen. Pop und Genderfragen sind das Spezialgebiet der 1975 geborenen Kerstin Grether. In den Neunzigern war sie Redakeurin beim Magazin „Spex“ und lebt heute als freie Journalistin in Berlin.

In „Zuckerbabys“ will sie manchmal zu viel sagen. Da paraphrasiert plötzlich jemand über zwei Seiten den oft zitierten Poptheoretiker Greil Marcus oder erinnert sich an einen kompletten Artikel über die Girlband Destiny´s Child. Zwar sind diese statementhaften Passagen meist sehr interessant, doch sie fügen sich nicht recht in ein Ganzes. Es wirkt, als seien die Charaktere nur dazu da, um verschiedene Enwicklungsstufen und Meinungen zu veranschaulichen. Von ihren Motiven, Gefühlen und Beziehungen erfährt man wenig. Dass zudem die Perspektive von der Ich-Erzählerin Sonja zur auktorialen Perspektive für die restlichen Figuren wechselt, behindert gelegentlich den Fluss der Geschichte.

Am stärksten ist der Roman, wenn er Sonjas perverse Hungerwelt zeigt: das Kalorienzählen, die Schwächeanfälle und die Triumphgefühle vor dem Spiegel. „Niedlich ist das beste aller möglichen Komplimente“, denkt sie einmal, als jemand ihre Figur lobt. Das Buch enthält viele solcher Gruselmomente, die im besten Falle dazu führen können, die Wahrnehmung für Magersucht zu erhöhen. Denn sie ist weder eine Krankheit noch eine Mode.


Dieses Buch bestellen Kerstin Grether: Zuckerbabys. Roman. Ventil Verlag, Mainz 2004. 203 Seiten, 11,90 Euro. Grether liest heute um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne (Mitte).

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