Pet Shop Boys live in Berlin : Die Trickkiste der Pop Kids

Die Pet Shop Boys geben im Berliner Tempodrom ein feines, kurzweiliges Konzert. Auf dem Programm: Ein Mix aus Songs ihres aktuellen Albums "Super" und neuen Versionen alter Hits.

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Die Pet Shop Boys bei ihrer "Super"-Tour.
Die Pet Shop Boys bei ihrer "Super"-Tour.Foto: imago/STAR-MEDIA

Weißt du noch damals? Anfang der Neunziger als wir beide in die große Stadt gezogen waren, um zu studieren. Wir verliebten uns und gingen zum Tanzen in die Clubs. Musik war unsere Obsession: „They called us the pop kids/ ´cause we loved the pop hits/ And quoted the best bits/ so we were the pop kids“.

Die Geschichte, die die Pet Shop Boys in „Pop Kids“ erzählen, dürften viele ihrer Fans so ähnlich erlebt haben. Es werden allerdings eher die Achtziger als die Neunziger gewesen sein, so wie bei dem Londoner Duo selbst, das 1986 sein Debüt-Album „Please“ herausbrachte.

Dass Neil Tennant und Chris Lowe 30 Jahre später immer noch über „Pop Kids“ singen und dabei zwar ein wenig nostalgisch aber kein bisschen peinlich wirken, ist eine große Leistung der Synthie-Pop-Legenden. Beim Konzert im ausverkauften Berliner Tempodrom spielen sie das Stück von ihrer aktuellen Platte „Super“ als drittes, direkt nach ihrem ersten großen Hit „West End Girls“. Und der neue House-Pop-Song hält locker mit.

Kreise, Wolken, Laser - die Visuals sind beeindruckend

Jetzt sind die beiden auch von ihren seltsamen Kugelhelmen befreit, mit denen sie auf die Bühne gekommen waren.  Lowe sah darin aus wie ein Comic-Ritter und Tennant wirkte als habe er  eine Trockenhaube auf. Die Kopfbedeckungen sind Teil eines beeindruckenden visuellen Konzepts, das viel mit Kreisformen operiert – abgeleitet vom „Super“-Cover, das einen grünen Kreis auf weißem Grund zeigt. Auf der Bühne werden nun unendlich viele kreisförmige Muster von Zielscheiben, Monden bis hin zu Augen ineinandergemorpht. Schwindelerregend.

Pet Shop Boys
Noch mehr Kreise: Pet Shop Boys auf der Bühne.Foto: dpa

Doch die Pet Shop Boys haben noch mehr in ihrer Trickkiste: Beim dritten Song fällt der Gaze-Vorhang hinter ihnen und eine dreiköpfige Band kommt zum Vorschein: eine Schlagzeugerin und ein Schlagzeuger, die vor allem auf elektronischen Drum-Pads spielen, sowie eine Keyboarderin, die gelegentlich zur klanglich verfremdeten Violine greift. Was vor allem auch optisch eine wichtige Rolle spielt, etwa bei „Love Is A Bourgeois Construct“, wo das Instrument als Kitsch-Romantik-Symbol dient. Kombiniert mit den grün-blau verfärbten Wolkenaufnahmen, dem ironischen Text und quietischigen Soundeffekten gelingt es den Pet Shop Boys, sich über alles gleichzeitig lustig zu machen: die Liebe, Theorien über die Liebe und nicht zuletzt sich selbst. Aber ganz ohne Zynismus. Das ist großer Pop.

Die Pet Shop Boys remixen ihre alten Hits

Tennant und Lowe sind nach all den Jahren immer noch mit Begeisterung und Liebe bei der Sache. Sie reißen nicht einfach ein Greatest-Hits-Programm plus einiger neuer Songs runter, sondern haben sich für viele alte Stücke neue Versionen ausgedacht. Dieser Remix-Ansatz funktioniert größtenteils richtig gut. „It’s A Sin“ bekommt beispielsweise mehr Wumms und Details, dazu eine schöne rot-blaue Laserstrahlen-Choreografie. „Home And Dry“ hingegen muss fast ganz ohne Beats auskommen, dafür gesellen sich die Bandmitglieder als Gastsänger/innen zu Tennant an die Bühnenkante. Es ist der etwas ruhigere Mittelteil des rund 100-minütigen Konzertes, auf den ein Großraumdisko-Abschnitt mit einer fast schon etwas stumpfen „Vocal“-Version folgt.

"Sehr gut" findet Neil Tennant den Gesang der Fans

Ein Geniestreich beendet dann das Hauptset: Ihrem berühmten Village-People-Cover „Go West“ entziehen die Pet Shop Boys fast völlig den hymnisch-pathetischen Charakter, der den Song ja immer nah an die Nervigkeitsgrenze geschoben hat. Ein paar zusätzlich hineinklöppelte Synkopen helfen dabei. Und der lustigste Moment der Show: Nach dem Intro kündigt Tennant das Leitmotiv an, indem er tatsächlich „melody“ sagt. Woraufhin Lowe die Ohrwurmtakte auf dem Synthesizer spielt. Super.

Im kurzen Zugabenteil überlässt Neil Tennant, dessen Stimme so unverkennbar sanft-melancholisch klingt wie eh und je, dem Publikum den Refrain von „Domino Dancing“. Die Fans bekommen es prima hin, was ihnen ein fast akzentfreies „sehr gut“ des 62-jährigen Sängers einbringt. Dass dann eine etwas zu krawallige und nahezu romantikfreie Version von „Always On My Mind“ folgt, trübt die Freude über dieses feine Konzert nur kurz. Die Pop Kids haben es immer noch drauf.

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