Peter Brook würdigt William Shakespeare : Shakespeare war kein Strohmann

Shakespeare war und ist einzigartig. Immer wieder wird aber bezweifelt, dass er seine genialen Stücke selbst geschrieben hat. Theaterregisseur Peter Brook sagt nun: Der Dramatiker muss ein Bühnenmensch gewesen sein!

Peter Brook
Peter Brook
Theaterkopf: Peter Brook, als Sohn jüdischer Einwanderer aus Lettland in London geboren, wird 90 Jahre alt.Foto: dpa

Ich war in Moskau und hielt beim Tschechow-Festival einen Vortrag über Shakespeare. Als ich fertig war, stand ein Mann auf und teilte dem Publikum mit, dass er aus einer der islamischen Republiken im Süden komme. „In unserer Sprache“, sagte er, „bedeutet Shake Scheich, und Pir bedeutet weiser Mann. Für uns besteht kein Zweifel – mit den Jahren haben wir gelernt, versteckte Botschaften zu deuten. Diese ist eindeutig.“ Ich war nun überrascht, dass niemand darauf hinwies, dass Tschechow ein Tscheche gewesen sein muss.

Seit damals ist mir immer wieder ein neuer Anspruch auf die Urheberschaft am Werk des Barden zu Ohren gekommen. Der letzte kam aus Sizilien. Ein Wissenschaftler hatte herausgefunden, dass eine Familie vor der Inquisition von Palermo nach England geflohen war. Ihr Name war Crollolancia. Es liegt auf der Hand: crollo heißt schütteln, auf Englisch shake, und lancia ist ein Speer, spear. Einmal mehr ist der Code eindeutig.

Zumindest in einem Punkt stimmen wir alle überein: Shakespeare war und ist einzigartig. Die Kombination von genetischen Elementen – oder Planeten –, die sein Entstehen im Mutterleib lenkten, ist so verblüffend, dass sie nur einmal in mehreren Jahrtausenden auftreten kann. Man pflegte zu sagen, wenn eine Million Affen eine Million Jahre auf eine Million Schreibmaschinen einhämmerten, würden die gesammelten Werke Shakespeares erscheinen. Selbst das ist nicht sicher.

Shakespeare durfte kein Mann aus dem Volk sein

Shakespeare nimmt Bezug auf alle Aspekte des menschlichen Daseins. In jedem seiner Stücke wird das Niedrige, der Dreck, der Gestank, das Elend des gewöhnlichen Lebens, mit dem Schönen, Reinen und Erhabenen verwoben. Wie konnte ein einziges Gehirn ein so breites Spektrum umfassen? Lange Zeit genügte diese Frage, um einen Mann des Volkes auszuschließen. Nur jemand von adliger Herkunft und mit höherer Bildung könne diese Stufe erreichen. Selbst der klügste Gymnasiast vom Land, und sei er noch so begabt, könnte nie über so viele Erfahrungsebenen springen.

Das wäre einleuchtend, wenn nicht sein Gehirn einzigartig gewesen wäre. Als wir für meine Inszenierung von „L’Homme qui“ („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) über das Gehirn forschten, begegnete ich vielen Phänomenen. Nur ein Aspekt war die erstaunliche Fähigkeit vieler Gedächtniskünstler. Ein typisches Beispiel war ein Taxifahrer aus Liverpool, der die komplette räumliche Anordnung jedes Hotelzimmers in Liverpool in anschaulichen Details im Kopf hatte. Wenn er Kunden vom Flughafen abholte, konnte er ihnen daher raten: „Nein, Zimmer 204 ist nichts für Sie. Das Bett steht zu nah am Fenster. Lassen Sie sich 319 zeigen.“ Ein so erstaunliches Erinnerungsvermögen ist nicht das Resultat höherer Bildung und reicht für sich genommen nicht aus, um Shakespeares Werk zu schreiben. Aber er muss eine außergewöhnliche Fähigkeit gehabt haben, um jede Art von Eindruck aufzunehmen und sich in Erinnerung zu rufen.

Ein Dichter nimmt alles auf, was er erlebt, und das gilt erst recht für einen genialen Dichter. Er filtert es und hat die einzigartige Fähigkeit, scheinbar völlig unzusammenhängende oder widersprüchliche Eindrücke miteinander in Verbindung zu bringen.

Genies stammen manchmal aus einfachsten Verhältnissen

Ein Genie aber kann aus den bescheidensten Verhältnissen hervorgehen. Wenn wir das Leben der Heiligen betrachten, waren die meisten, im Gegensatz zu Kardinälen und Theologen, von ganz gewöhnlicher Herkunft. Das trifft vor allem auf Jesus zu. Niemand bezweifelt, dass Leonardo wirklich Leonardo da Vinci war, auch wenn er ein uneheliches Kind aus einem italienischen Dorf war. Warum also behaupten, dass Shakespeare ein Bauerntölpel war?

Das Bildungsniveau war zu Zeiten von Königin Elisabeth I. bemerkenswert hoch. Es war gesetzlich festgelegt, dass kein Junge vom Lande über weniger klassische Bildung verfügen sollte als die Söhne des Adels. In der Satzung der Schule in Stratford stand: „Alle Kinder sollen unterrichtet werden, mögen ihre Eltern auch noch so arm und die Jungen noch so unbegabt sein.“

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben