Kultur : Peter Gay über die erstaunlich wenig reaktionäre Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts

Bernhard Schulz

Es zählt zu den Ursprungsmythen der Moderne, dass die Bürger dumpfe Reaktionäre und die Künstler einsame Revolutionäre gewesen seien. Glauben mochte man solche Simplifikation zwar ohnehin nicht; wie es aber wirklich gewesen ist, bleibt in der Regel undeutlich. Peter Gay, der prominente amerikanische Kulturhistoriker deutscher Herkunft, hat es in seiner breit angelegten Untersuchung "The Bourgeois Experience. Victoria to Freud" eine Mentalitätsgeschichte des Bürgertums im 19. Jahrhundert geschrieben und die Reihe seiner daraus erwachsenen Publikationen jetzt mit dem fünften Buch "Bürger und Boheme. Kunstkriege des 19. Jahrhunderts" abgeschlossen.

Sollte man endlich erfahren, was es mit den abgrundtiefen Gegensätzen an der Wiege der modernen Kunst auf sich hat? So ganz hält Gay dann leider doch nicht, was er im Titel andeutungsweise verspricht. Es bleibt bei einer - zwar bewundernswert elegant erzählten - Aufreihung einzelner Konflikte, die das 19. Jahrhundert durchziehen, doch als Geschmack und Urteilskraft noch selbstverständliche Eigenschaften des Individuums innerhalb des öffentlichen Diskurses bildeten. Nur eine kohärente Darstellung "des" Bürgertums in seiner Beziehung zur neuzeitlichen Kultur erwächst daraus nicht.

Gay macht aus seinem Faible für die Bürger des viktorianischen Zeitalters keinen Hehl. Die farbkräftigsten Passagen gelingen ihm, wo er einzelne Protagonisten und singuläre Ereignisse schildert. Ob die Schaffung eines leistungsfähigen Orchesters im sprichwörtlich kapitalistischen Manchester oder die Entfaltung des Münchner Kunstlebens unter den Allüren des Königshauses - Gay gelingt es, trockene Archivfunde in lebendige Anschaulichkeit zu überführen. Von solchen Skizzen lebt das Buch. Sobald der theoretische Horizont auszumessen ist, in den derartige Einzelbeobachtungen gestellt werden sollen, gerät Gay begrifflich ins Ungefähre und wird zum Opfer seiner eigenen Unvoreingenommenheit: so vielfältig, wie er die zu Unrecht als "Bourgeoisie" geschmähten mittleren Schichten einer noch weitgehend feudal strukturierten Gesellschaftspyramide schildert, entziehen sie sich eben darum der begrifflichen Vereinfachung. Es gibt Mittelstand und Bürgertum, Abhängige und Besitzende; es gibt Reaktionäre und Modernisierer, Fortschrittsbegeisterte und Fortschrittsverängstigte. Ebenso verhält es sich mit ihren Geschmacksurteilen, die von der gefälligen Unterhaltung bis zur ernsthaften Erneuerung alle Spielarten künstlerischer Hervorbringungen umfassen.

Die materielle Förderung einer neuen Kultur zumindest ist ein Vorgang, der sich anhand der Quellen fassen lässt. Zwar ergibt eine penible Untersuchung des bürgerlichen Mäzenatentums ein differenzierteres, durchaus verwirrenderes Bild, als es Gay zum höheren Ruhme "des" Bürgertums ausmalt. Denn im Einzelnen bleibt zu klären, welche Teile des Bürgertums die Avantgarde schätzten und welche nicht (im Zweifelsfall lassen sich überhaupt keine generalisierenden Zuordnungen vornehmen). Im Kern aber ist seine Quintessenz richtig, dass bürgerliche Unterstützung bei der Entstehung der Moderne Pate gestanden hat. Der reaktionäre Bürger ist sicherlich keine bloße Chimäre, aber keinesfalls nur der Buhmann, als den ihn selbsternannte "Bourgeoisphobe" wie Gustave Flaubert ausgerufen haben, darin gewiss weniger eine allgemeine als vielmehr die spezielle Pariser Situation kennzeichnend. Auch darin hat das Buch seine Schwäche, dass es die sowohl geografisch als auch chronologisch höchst unterschiedlichen Entwicklungen in diesem "langen" 19. Jahrhundert über einen Leisten zu schlagen sich bemüht, wo eher die Feststellung von Ungleichzeitigkeiten und disparaten Entwicklungen am Platz wäre.

Wenn Gay die angestrebte Ehrenrettung des Bürgertums schließlich doch gelungen ist, so aufgrund seines Vermögens, historische Sachverhalte nicht nur anschaulich werden zu lassen, sondern sie zugleich in nachvollziehbarer und also auch kritisierbarer Weise zu bewerten. Sein historisches Panorama hat Farbe und Tiefe. Und wenn er zum Schluss, immer auf der Suche nach der Entstehung jenes folgenschweren Fehlurteils über die Bourgeoisie, die hochmütige Moderne und ihre Theoretiker - die, genau besehen, vom Ende des von Gay allzu salopp zusammengebundenen "viktorianischen" Zeitalters stammen - auf Normalmaß zurechtstaucht, so wird ihm kaum ein Leser sein Einverständnis verweigern. Und noch etwas: Peter Gay gibt in einem nicht weniger als 38 eng bedruckte Seiten (!) umfassenden "Bibliografischen Essay" begründete und oft in knappsten Worten urteilende Rechenschaft über die Literatur, die er gelesen und bearbeitet hat. Da verneigt sich der Leser vor so viel souveräner Wissenschaft - und der beneidenswerten Fähigkeit, aus solchem Bildungsgebirge ein wunderbar lesbares Buch geschaffen zu haben, was auch immer seine theoretischen Unzulänglichkeiten sein mögen.Peter Gay: Bürger und Boheme. Kunstkriege des 19. Jahrhunderts. Verlag C. H. Beck, München 1999. 438 Seiten, 78 DM.

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