Kultur : Peter Novick im Gespräch: "Norman Finkelsteins Buch ist Schund"

Mister Novick[Ihr Buch "The Holocaust in American]

Peter Novick ist emeritierter Historiker an der University of Chicago. Heute abend stellt er sein Buch "Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord" (Deutschen Verlags Anstalt, Stuttgart, 44 Mark) im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße vor (20 Uhr). Morgen hält er im John F. Kennedy-Institut der FU Berlin einen Vortrag zum Thema "The Holocaust in American Memory" (17 Uhr).

Mit Peter Novick sprach Julian Hanich.

Mister Novick, Ihr Buch "The Holocaust in American Life" erscheint heute unter dem Titel "Nach dem Holcaust. Der Umgang mit dem Massenmord" auch in Deutschland. Sie beschreiben in einer akribischen Studie, wie die Erinnerung an den Holocaust von den Rändern der amerikanischen Wahrnehmung immer mehr ins Zentrum rückte. Im Unterschied zu Norman Finkelstein behaupten Sie nicht die Weltverschwörung einer "Holocaust-Industrie".

Nein, das ganz gewiss nicht!

Trotzdem haben Sie sich vor der Übersetzung ins Deutsche Ihre Gedanken gemacht.

Ich war zunächst besorgt darüber, dass manche Leute mein Buch in Deutschland instrumentalisieren könnten. Es gibt ja in Deutschland Kräfte - nicht unbedingt antisemitische -, die genug haben vom Holocaust. Zum Beispiel schloss die "Frankfurter Allgemeine" eine Besprechung von Finkelsteins Buch mit der Bemerkung, es komme einem nach Finkelsteins Polemik so vor, "als würde plötzlich ein Fenster geöffnet".

Gibt es denn so etwas wie Finkelsteins "Holocaust-Industrie"?

Er argumentiert, dass diejenigen, die an der Spitze dieser "Holocaust-Industrie" stehen, daraus finanzielle Gewinne ziehen. Das ist dumme Verleumdung. Und die These, dass es den habgierigen jüdischen Eliten nicht wirklich um Israel und die amerikanischen Juden gehe, sondern nur um Selbstbereicherung, ist die Aktualisierung der "Protokolle der Weisen von Zion" fürs 21. Jahrhundert. Finkelstein nimmt ein Körnchen Wahrheit und bauscht es auf: Für die Verdrehung eines Zitats benötigt er nur zwei Zeilen; um das aber richtigzustellen, braucht man zwei Seiten.

Im Gegensatz zu den USA war das Echo auf Finkelstein in Deutschland riesengroß.

Sein Buch steckt voller Fehler. Es basiert auf keinerlei Recherche und wurde hastig zusammengestoppelt. Es ist also verwunderlich, warum diesem Schund in Deutschland so wahnsinnig viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Die Fernsehserie "Holocaust", "Schindlers Liste", Daniel Goldhagens Buch, die Finkelstein-Debatte, nun Ihre Studie - ein amerikanischer Kritiker hat den Deutschen kürzlich vorgeworfen, dass alle Diskussionen über den Holocaust aus den USA importiert seien.

Die "Holocaust"-Fernsehserie und "Schindlers Liste" entspringen dem kapitalistischen Mediengeschäft. Die Bücher von Goldhagen und Finkelstein sind, wenngleich auf unterschiedlichen Ebenen, wenig wert. Daraus haben die Deutschen viel gemacht; Amerika hat das nicht aufgedrängt. Andererseits kamen die wichtigeren Diskussionen aus dem eigenen Land: die Reaktionen auf den Eichmann-Prozess, die Auschwitz-Prozesse, die Ostpolitik, Willy Brandt in Warschau, der Historikerstreit, das Mahnmal in Berlin, die Wehrmachtausstellung ...

In einer provokanten These Ihres Buch beklagen Sie die Politik des Erinnerns in den USA: Das europäische Ereignis Holocaust diene dazu, von eigener Verantwortung in der amerikanischen Geschichte abzulenken.

Des Holocausts zu gedenken, ihn zu beklagen und Museen dafür zu bauen, legt den Amerikanern keine politischen und moralischen Kosten auf. Was würden wir davon halten, wenn die Deutschen plötzlich sagten, der Holocaust sei etwas Schreckliches gewesen, wirklich wichtig sei aber die Errichtung eines Museums für die schwarzen Sklaven in Amerika?

Inzwischen ist der Holocaust ein Bestandteil des amerikanischen Mainstream-Lebens geworden - auch jenseits der jüdischen Gemeinde.

Robert Musil sagt im "Mann ohne Eigenschaften" einmal, dass nichts so unsichtbar sei wie ein Denkmal. Jede Stadt in Amerika hat ein Bürgerkriegsdenkmal. Denkt da irgendeiner darüber nach? Sie sind Teil des städtischen Hintergrundes. Und das gleiche gilt für vieles, was den Holocaust betrifft. Man demonstriert seine Tugendhaftigkeit, indem man über den Holocaust nachdenkt Daraus folgt in Amerika aber noch keine lebendige kollektive Erinnerung.

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