Peter Richters "89/90" : Im Tal der Unschuldigen

Viel Spaß im letzten Sommer des Sozialismus: Peter Richters „89/90“ ist ein ein autobiografischer Coming of Age-Roman, in dem er wunderbar selbstironisch über die Wende berichtet.

Sabrina Wagner
Peter Richter
Peter Richter berichtet über das Leben als Jugendlicher in der DDR: "89/90".Foto: Jens Kalaene/dpa

Es ist ruhiger geworden um den sogenannten Wenderoman. Belletristische Bearbeitungen deutsch-deutscher Zeitgeschichte zählen inzwischen selbstverständlich zu den Neuerscheinungen jeder Saison. So auch der Roman „89/90“ des 1973 in Dresden geborenen Autors Peter Richter, der hauptberuflich Kulturkorrespondent für die „Süddeutsche Zeitung“ in New York ist. Und es scheint: Dass der deutsch-deutsche Großroman nicht mehr hysterisch herbeigerufen und herbeigefordert wird, tut der Literatur gut. Insbesondere „89/90“ wirkt überhaupt nicht so, als habe der Feuilleton-Autor Peter Richter sich von feuilletonistischen Erwartungen unter Druck setzen lassen. Nicht nur der knapp-griffige Titel, sondern der Erzählgestus des gesamten Romans ist im besten Sinne vollkommen unaufgeregt.

Richters Ich-Erzähler, ein 16-jähriger Punk und Anarchist, berichtet vom letzten Sommer im „Tal der Ahnungslosen“ in der DDR. Es ist erklärtermaßen ein autobiografischer Coming of Age-Roman – chronologisch erzählt, dokumentarisch mit nicht ganz ernst gemeinten Fußnoten versehen und um fiktionale Elemente ergänzt. Es geht um Mädchen, Musik, Alkohol, Nächte im Freibad und überhaupt jede Menge jugendlichen Blöd- und Leichtsinn. „Noch wussten wir nicht, wie alles kommen und was alles verschwinden würde. (...) Wir waren in einer Phase der Unschuld, die wir natürlich für das Gegenteil hielten.“ Zugleich erzählt der Roman von den chaotischen Tagen einer ganzen Gesellschaft im völligen Umbruch. Ein Seitenblick auf den 1968 ebenfalls in der sächsischen Metropole geborenen Uwe Tellkamp drängt sich förmlich auf. Denn Peter Richter entwirft mit seinem Ich-Erzähler eine Gegenfigur zu Tellkamps Alter ego Christian in dessen Roman „Der Turm“.

Viel Ironie, wenig Pathos

Beide entstammen demselben bildungsbürgerlichen Milieu; doch Richters Ich-Erzähler verlässt die bei Tellkamp als Ideal beschworene Welt und zieht in Springerstiefeln von den lieblichen Elbuferhügeln in die Dresdner Neustadt.

Peter Richters wunderbar selbstironischer Erzähler könnte Uwe Tellkamps heiligem Ernst und Pathos kaum ferner stehen. Rückblickend stellt er fest: „Man kann wirklich nicht sagen, dass wir keinen Spaß gehabt hätten im letzten Sommer des Sozialismus, jedenfalls gilt das für S., für mich und alle, die sich nachts im Freibad trafen.“ Und genau so ist es: Man kann wirklich nicht sagen, dass die Lektüre dieses Romans keinen Spaß gemacht hätte, jedenfalls gilt das für die Rezensentin.

Peter Richter: 89/90. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2015, 416 Seiten, 19,99 €.

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