Peter Rühmkorf : Wünsch’ mir im Himmel einen Platz

Irdische Vergnügen eines Elbromantikers: Zum Tod des großen Dichters Peter Rühmkorf.

Michael Braun
rühmkorf
Ironie und Pathos. Peter Rühmkorf, 25.10.1929 - 8.6.2008. -Foto: Isolde Ohlbaum

„Meine Bücher – “, so verriet der Dichter in späten Jahren, „eigentlich alles Verzweiflungstaten.“ Ein überraschender Befund, denn Peter Rühmkorf galt zeitlebens als leichtfüßiger Reimvirtuose und stets auf Heiterkeit gestimmter Elbromantiker. Wenn der Urstoff seiner Poesie die Verzweiflung war, hat er es jedenfalls vorzüglich verstanden, sie in einem lyrischen Levitationsprogramm von staunenswerter Formkunst aufzuheben. Rühmkorf, der listiger Apokalyptiker: ein herzensfreundlicher Linker, der zeitlebens sagte, Politik tauge nicht zur Poesie und sie seinen Versen doch immer wieder anverwandelte, auf spottlustig luftige Weise.

Am 25. Oktober 1929 in Dortmund als Sohn einer Lehrerin und eines reisenden Puppenspielers geboren, hat er von der Mutter die Leidenschaft für die Poesie geerbt, die berauschende Erfahrung, dass Gedichte „nachweislich dem öffentlichen Pläsier“ dienen. Als Leitgestirne am deutschen Dichterhimmel erwählte sich der junge Gelegenheitsdichter Bertolt Brecht und Gottfried Benn, wobei Benns Nihilismus auf Dauer ansteckender wirkte. Benn wurde sein Standbein, Brecht sein Spielbein, die Reimkünstler Heinrich Heine und Joachim Ringelnatz seine lebenslange Herzensangelegenheit.

In Hamburg tat sich Rühmkorf ab 1950 als Kabarettist und scharfzüngiger Kunstideologe hervor. Mitten im konservativen Adenauerdeutschland exponierte er sich als frecher Polemiker mit politischer Antriebsmotorik und ausgeprägter Neigung zur Demontage falscher Dichterpropheten. Wann auch immer nach 1950 eine literarische Avantgarde den Laufsteg betrat, der selbsternannte „Hamburger Linksausleger“ war sofort zu Stelle, um sie zu entzaubern. Mit seinem literarischen Kumpel Werner Riegel hatte er kurz nach dem Krieg in apokalyptischer Nervosität den „Finismus“ ausgerufen und die Literaturzeitschrift „Zwischen den Kriegen“ gegründet. Mit dem Publizisten Klaus Rainer Röhl, dem exzentrischen Ehemann von Ulrike Meinhof, edierte er ab 1955 den verdeckt aus dem Osten finanzierten „Studenten-Kurier“, den Vorgänger der Zeitschrift „Konkret“. Unter dem Pseudonym „Leslie Meier“ betrieb er nebenher einen „Lyrik-Schlachthof“ und bat zahlreiche Ikonen der Nachkriegslyrik unter sein literaturkritisches Seziermesser.

Schon sein Debüt, der Gedichtband „Irdisches Vergnügen in g“ von 1959, war ein Meisterstück lyrischer Artistik. Bereits hier zeigte Rühmkorf seine einzigartige Fähigkeit zur Anverwandlung poetischer Tradition: Die Annäherung an Klassiker wie Barthold Hinrich Brockes oder Gottfried Benn wird stets ironisch konterkariert, der hohe Ton durch bewusste Lässigkeit und Schnoddrigkeit ausgehebelt. Das „irdische Vergnügen“ wurde auch in späteren Büchern nicht getrübt – im Leben sowieso nicht. Rühmkorfs Munterkeit und Genießerlaune (Kaffee, Rauchwaren, geistige Getränke) sind ebenso Legende wie sein immer höfliches, aber nie konventionelles Auftreten. Das Offizielle behagte Rühmkorf nicht. Die Kulturoffiziellen ehrten ihn trotzdem mit allen wichtigen Poesiepreisen.

Auch wenn er im Alterswerk allzu ausgiebig auf kalauernde Altherrenerotik zurückgriff, blieb dies für die Tonlage all seiner Kabinettstückchen doch charakteristisch: das melodiöse Ineinander von Feierlichkeit und Ironie, von Pathos und Frivolität, Romantik und vulgärem Zwischenruf.

Der Dichter als alter Knacker, der augenzwinkernd seine Rest-Vitalität vorführt – diesen selbstironischen Gestus hat Rühmkorf auch in seinem Abschiedswerk, dem jüngst erschienenen „Paradiesvogelschiß“ auf amüsante Weise durchgespielt. Der Dichter erteilt sich hier im Herbst seines Lebens die Lizenz, den Triumph der Kunst über zunehmend widrige Lebensumstände in kalauernder Heiterkeit zu zelebrieren. Der Leidensmann, dem die Krankheit allen Lebensgenuss zu zerstören droht, tritt auf als Frohnatur. Bereits die „Vorletzten Gedichte“ von 1999 hatten mit den Ernüchterungen der Altersweisheit kokettiert: „So alte Dichter, Gotterbarm, / auch alternde Composer, / die einen werden täglich harm- / die andern umstandsloser.“ Diesen Vanitas-Gesängen hatte der Todkranke in seinem letzten Buch 37 weitere lyrische Selbstporträts im Blick auf die eigene Sterblichkeit hinzugefügt. Unbeeindruckt von der Gefahr, „noch ein paar weitere Zentimeter unter Niveau (zu) gehen“, verordnet Rühmkorf sich eine Poetik der absoluten Simplizität: „Einfach werden – radikal. / Kompliziert, das war einmal. / Weil, ...Subtilität / kaum ein Leser noch versteht.“

Diese Verheißung lyrischer Schlichtheit gehört zu den kunstvollen Täuschungsmanövern eines Autors, der in seine Volksliedstrophen stets unbotmäßige politische Pointen einzuschmuggeln vermochte. Dabei weiß der Dichter um die geringe Haltbarkeit politisch motivierter Dichtung: „Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, / hat nur ein kurzes Lebenslicht, / und wenn es auch die Wahrheit spricht, / man dankt’s ihm nicht! / Olé!“ Nun konzentrierte sich der lyrische Gaukler lieber auf die sarkastische Kommentierung der eigenen biologischen Begrenztheit, „paar Schaufelwürfe vorm Grab“.

Seine Gedichte flankierte der poeta doctus stets mit scharfzüngigen Essays, die bis heute das größte Schatzkästlein der zeitgenössischen Lyriktheorie bilden. Neben die Gedichtbände und Essays trat das Aphorismen-Flechtwerk seiner Aufzeichnungen und Tagebücher. In den opulenten Tagebuchbänden „Tabu I“ (1995) und „Tabu II“ (2004) betrieb Rühmkorf eine exzentrische „Privatgeschichtsschreibung“, in der er auch seine politischen Wirrungen verzeichnete.

In einem späten Gedicht hat er vorsorglich um Aufnahme in die literarische Ahnengalerie gebeten: „Wünsch mir im Himmel einen Platz / (auch wenn die Balken brächen) / bei Bellman, Benn und Ringelnatz / und wünschte, dass sie e i n e n Satz / in e i n e m Atem sprächen: / nimm Platz!“ Sein Haus am Elbstrand in Hamburg, in dem er viele Jahre mit seiner Ehefrau Eva-Maria verbracht hat, musste er wegen seiner schweren Krebserkrankung verlassen; in den letzten Monaten zog er sich in eine Bauernkate im Lauenburgischen in Schleswig-Holstein zurück. Dort ist Peter Rühmkorf am Sonntag im Alter von 78 Jahren gestorben. Dass ihm sein Wunschplatz im Dichterhimmel gebührt, daran besteht auf Erden kein Zweifel.

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