Kultur : Peter S. Jungk

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Mein Ort heißt Tarasp. Als Zehnjähriger kam ich erstmals hierher, im Sommer 1963. Das Dorf im Schweizer Unterengadin liegt auf 1420 Metern Höhe. Ich sitze in einem holzgetäfelten Zimmer, mit dem Blick auf das Schloss und die Berge. In Tarasp sind meine ersten Bücher geboren worden, „Stechpalmenwald“ und „Rundgang“. Ich habe das erste Exemplar „Stechpalmenwald“ im Herbst 1978 am Waldrand vergraben, neben dem Haus, in dem das Buch entstanden ist. Nach Tarasp reise ich bis heute, wenn ich die Arbeit an einem neuen Werk aufnehme, nach Tarasp kehre ich zurück, um es abzuschließen. Tarasp bezaubert und verzaubert mich. Mein Ort ist vor einem Jahr von einem italienischen Immobilien-Despoten heimgesucht worden. Es heißt, er wolle auf der Wiese hinter dem Teich hohe, breite Apartmentblöcke in Tannenzapfenform errichten. Sollte das geschehen, werde ich Tarasp niemals wiedersehen.

Peter Stephan Jungk, 1952 im kalifornischen Santa Monica geboren, stammt aus einer jüdischen Emigrantenfamilie und wuchs in Österreich auf. Bei S. Fischer ist zuletzt sein autobiografisch gefärbter Roman „Die Reise über den Hudson“ erschienen. Er lebt mit seiner Frau, der Fotografin Lillian Birnbaum, seit vielen Jahren in Paris. (12.9., 19.15 Uhr, Seitenbühne im HdBF)

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