Peter Stauss in der Galerie Heldart : Apokalypse wau!

Der Berliner Maler und Bildhauer Peter Stauss reflektiert in der Galerie Heldart das Verhältnis von Mensch und Tier.

Gunnar Luetzow

Antonin Artaud, Gilles Deleuze, Franz Kafka. Das sind die schweren Namen, die leicht im Gespräch mit dem Berliner Maler und Bildhauer Peter Stauss fallen. Schließlich geht es dem 1966 in Sigmaringen geborenen Künstler, der in einem zwischen Drogenstrich und Dönerstand gelegenen Atelier in Tiergarten arbeitet, um das große Ganze.

Wo auf den ersten Blick die Leichtigkeit einer banalen Telefonzeichnung aufscheint, versteckt sich, wie der Künstler erklärt, hochgradige Ambivalenz: „Eine Form, also beispielsweise einen Fleck, kann ich für mich erst einmal nicht legitimieren. Wohl aber, was aus der Zerstörung dieser Signifikanz entsteht.“

So bleiben Rufnummern, kryptische Notate und die Spuren einer ungeschickt abgestellten Kaffeetasse nicht lang allein: Sie verdichten sich im Dialog mit Skizzen von Tieren, Menschen und Fabelwesen zu einer ausgewachsenen Apokalypse, deren Dramatik von ein paar wild gewordenen Tintenklecksen befeuert wird. Auch nicht gerade heiter geht es in seinen von post-heroischer Melancholie durchtränkten großformatigen Ölgemälden zu, die in matten Farben gebrochene Helden einer prekärer werdenden Gegenwart zeigen. Auch hier geht es dem von Heroen wie Picasso und Moore inspirierten Künstler nicht nur um eine gelungene Lösung formaler Fragen, sondern auch um die großen Themen. Stauss erklärt anhand einer Arbeit: „Wie schon Kant dargelegt hat, gibt es Fragen, denen der Mensch nicht ausweichen kann, die aber gleichzeitig seinen Wissenshorizont überschreiten. Diese Aporie ist die Quelle des melancholischen Gefühls. Die Helden sind nicht wirklich Helden, weil sie in ihrer heroischen Geste immer von ihren Zweifeln gebremst werden.“

Stauss' Skulpturen: Desillusionierung als Schwerstarbeit

Verführt bereits seine Malerei, die derzeit noch einmal gründlich die Werke holländischer Meister auf der Suche nach bisher ungeahnten Abgründen umpflügt, zu einer gewissen Skepsis, betreibt Stauss in seiner skulpturalen Praxis Desillusionierung als Schwerstarbeit: Ausgerechnet Auguste Rodins populäre Plastik „Der Denker“ aus dem späten 19. Jahrhundert interpretiert er in verschiedenen Fassungen und Konstellationen neu – und zwar als denkenden Hund, der unweigerlich an jenen unorthodoxen griechischen Philosophen erinnert, der sich Alexander dem Großen einst als „Diogenes, der Hund“ vorgestellt haben soll und der das Leben, das Universum und den gesamten Rest von schräg unten her gedacht hat.

Damit der subversive Kern seiner Botschaft nicht aus Versehen durch die Erhabenheit einer Bronze verloren geht, hat Stauss für die aktuelle, gemeinsam mit dem in Wien lebenden Künstler Martin Walde bestrittene Ausstellung „The Phantastic 4,4444“ ein eher ungewöhnliches Material für seine Plastiken gewählt: Tierdung, versetzt mit Acrylbinder. Sie stehen in den neuen Räumen der Galerie Heldart, die unlängst vom Mehringdamm in das Bikini-Haus umgezogen ist, zwischen den bruchstückhaft zerlegten Vorlagen für den Bronzeguss von Europas größter Quadriga: eine gigantische Skulptur, die von 2004 bis 2008 für die Braunschweiger Königsresidenz neu produziert wurde.

Das Menschentier wird bezwungen

Tierdung: Das klingt amüsant, hat aber ebenfalls einen ernsthaften Hintergrund. „Es geht um die Animalitas, das Menschentier, das hier bezwungen wird. Das Bemühen, die Position des Menschlichen in Abgrenzung von seinem eigenen Tierstatus zu bestimmen, ist wesentlich für die Antike. Das, was dabei negiert, bekämpft, tabuisiert wird, ist der Abgrund des Körpers und des Chaos“, erklärt Peter Stauss. Vielleicht ist gerade der Mut, sich diesen oft verdrängten Themen offen zu stellen, einer der Gründe für die auch weit über Berlin hinaus spürbar wachsende Wertschätzung, die seine Arbeit erfährt.

Heldart, Bikini Berlin, Budapester Str. 50 (2. Stock); bis 20. 8., Di–Sa: 13–18 Uhr

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