Kultur : Peter und der Wolf

Eine

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von Caroline Fetscher

Noch einmal beschimpfte Peter Handke das Publikum. Nicht aus der Warte des Rebellen, sondern in Loyalität mit einem verblichenen Herrscher, der seiner Verurteilung wegen Massenmordes durch den Herztod in der Zelle entkam. Und diesmal beschimpfte Handke ein abwesendes Publikum. Am Grab von Slobodan Milosevic hielt der österreichische Autor im serbischen Städtchen Pozarevac eine kurze Rede zum langen Abschied.

Wo waren die Würdenträger aus aller Welt, die dem Aufgebahrten ihre Aufwartung machten? „Die so genannte Welt“, klagte der Gast am Grab, „ist heute abwesend, nicht nur heute, nicht nur hier“, und schloss: „Die so genannte Welt ist keine Welt.“ Glücklich sei er, ließ Handke dieselbe Welt gleichwohl wissen, dass er „Slobodan Milosevic nahe“ sei. So also klang der letzte Satz seiner Variationen zu „Peter und der Wolf“, an denen er seit Jahren komponiert. „Ich weiß, dass ich die Wahrheit nicht kenne“, raunte er noch, „doch ich blicke herum, höre zu, empfinde, erinnere mich. Daher bin ich heute anwesend.“

Schon eine Weile lang ist er ja einschlägig anwesend. Melancholisch und im Mantel hatte man ihn in der Halle des Haager Tribunals umherwandern sehen. Seine „Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ hatte „Gerechtigkeit für Serbien“ gefordert. Er hatte Milosevic verteidigt, in österreichisch-störrischer Treue für den tragischen Mann, der Jugoslawien in Stücke brach. Dessen Vater, Mutter und Lieblingsonkel hatten sich umgebracht, der Junge Slobodan wuchs auf unter Toten. An dem Ort der Psyche, wo Traumatisches zu Schöpferischem transformiert werden könnte, entstand bei Slobodan ein wüster Seelenstrudel, der sich auf fatale Weise mit Serbiens Gesellschaft verstrickte, was die „so genannte Welt“ lange ignorierte, bis sie tätig wurde.

Dieser Moment war Handkes Signal zum Einsatz, Verlage druckten ihn, und deutsche Feuilletons ließen ihn schreiben, Elegisches, Zorniges, Wahnhaftes. Es ginge doch darum, meinten sie, dass Serbien „nicht dämonisiert“ werde. Dazu kann ja vor allem der Respekt vor Serbiens vielen unkorrumpierten Intellektuellen verhelfen. Als Handke Milosevic in Den Haag aufsuchte, 2004, erschien die deutsche Ausgabe von Bora Cosics Roman „Das Land Null“, eine großartige, metaphorische Erzählung zum symbolischen Bankrott seines Landes, zu dessen Klaustrophobie und Realitätsverlust. In der Todesanzeige, die Gegner Milosevics für die Belgrader Zeitung „Politika“ aufsetzten, lesen wir an die Adresse des Toten: „Danke für die Angst und Unsicherheit, für verlorene Leben und Generationen, für erloschene Träume, für den Schrecken und die Kriege.“ Für Handke haben diese Serben nur ein müdes, flüchtiges Lächeln übrig.

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