Kultur : Peter W. Jansen: Der Kinoerzähler

Jan Schulz-Ojala

"Gleich nach den Gruftis, das sind die über Dreißig, kommen die Uhus, das sind die unter Hundert." Guter Einstieg, schön cool. "So ist die Welt der Diskokinder aufgeteilt", geht es weiter, "so halten sie sich die Erfahrungen der Älteren vom Leib." Hm. Schreibt da einer gegen die Jugend? Lesen wir den dritten Satz: "Zu Recht, wenn man sich manchen Film der Leute um die Fünfzig ansieht."

So hübsch überraschend, den hingestellten Erwartungen Satz für Satz ins Wort fallend, fängt Peter W. Jansens Filmkritik über "Wir Enkelkinder" an, veröffentlicht im Tagesspiegel am 6. November 1992. Jenen Film, in dem sich der Kabarettist Bruno Jonas auf einigermaßen kabarettistische Weise über die Alt-Achtundsechziger lustig macht, haben wir heute gut vergessen; und dass wir damit nicht ganz verkehrt liegen, deutet schon jener Hieb an, mit dem Jansen in seinen zweiten Absatz startet: "Komisch wird es, wenn sich die Uhus als Enkelkinder bezeichnen."

Heute wird Peter W. Jansen 70 Jahre alt, geht also selbst ins mindestens vierte Uhu-Jahrzehnt; andererseits ist und schreibt und denkt und kommuniziert er auf eine Weise jung, von der sich die schreibenden Enkelkinder dieser Welt durchaus eine Scheibe abschneiden können. Als einer der wenigen großen Filmpublizisten der Bundesrepublik, als einer der Wegbegleiter nicht nur des deutschen Films vieler Jahrzehnte müsste man ihn also spätestens heute auf irgendeinen Sockel stellen. Nur: als Denkmal taugt so einer nicht, so imposant seine Erscheinung auch sein mag, und will er auch gar nicht taugen. Dafür blitzt in seinen Augen viel zu tief eine schöne, weltenkundige Heiterkeit - und die ist bekanntlich Gift für Denkmalschützer.

Richtig jung - im rein biologischen Sinn - war der Rheinländer Peter W. Jansen zum Beispiel, als er mit der 500er BMW über die Alpen zum ersten Mal Richtung Filmfestival in Cannes knatterte - 1950 war das -, um dann am Ziel festzustellen, dass die Macher die Sache aus Geldnot wie schon zwei Jahre zuvor abgeblasen hatten. (Für jenen Fehlstart hat er sich in späteren Jahrzehnten schadlos gehalten, zur Freude seiner Leser und Hörer; in Cannes, in Venedig und andernorts, stets gut erkennbar als ebenso bequem wie elegant gekleideter Gentleman). Und jung war er natürlich, als er mit Verve nach dem Germanistik- und Geschichtsstudium in sein eigentliches Metier einstieg: die Filmkritik.

"Filmkritik": So hieß damals auch die wichtige Filmzeitschrift. Ein Mythos. Und verdammt lang her: 1957 von Enno Patalas gegründet, war sie bis in die Studentenbewegung hinein geistige Heimat all jener professionellen Filmbeobachter, die sich - vor dem großen Zerwürfnis zwischen den eher politisch und den eher ästhetisch Orientierten - an Kracauers und Adornos ideologiekritischem Blick auf das Massen-Unterhaltungsmedium Kino orientierten. Peter W. Jansen gehörte, neben Ulrich Gregor, Frieda Grafe und Dietrich Kuhlbrodt, zu ihren wichtigen Mitarbeitern. 1966 ging er, der zuvor kurz bei der FAZ als Redakteur gearbeitet hatte, zum Südwestfunk, seiner jahrzehntelangen beruflichen Ausgangsbasis, und wurde dort Kultur-Programmchef. Ein Radiomann, der vom gedruckten Wort freilich nicht lassen mochte: Die 45 Bände der blauen "Reihe Film" im Hanser Verlag, die er von 1974 bis 1982 mit Wolfram Schütte herausgab, sind unter Filmleuten Legende.

Ja, die Radiowelt, die seine Angestellten-Heimat war (und in deren Baden-Badener Nachbarschaft er weiterhin wohnt, wenn es ihn nicht gerade in die zweite Heimat namens Berlin zieht), hat auch seine Sprache geprägt. Peter W. Jansen schreibt "funkisch" im allerbesten Sinne: ein Sprecher, ein Vorleser, oft auch ein Erzähler, dem man beim Lesen zuhören mag von der ersten Zeile an - und der doch nie vergisst, was das stille Lesen bedeutet.

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