Kultur : Peterchens Höllenfahrt

Staatsoper Berlin: Boris Eifmans biografisches „Tschaikowsky“-Ballett mit Vladimir Malakhov

Frederik Hanssen

Peter Tschaikowsky – das ist der Komponist für die Gefühle: für die unheimlich großen und die intimen, für die hochpathetischen und die ganz naiven. Von Tschaikowsky kann man gar nicht genug bekommen. Das dachte sich auch der russische Choreograf Boris Eifman – und fügte den beiden ewigen Kassenfüllern „Schwanensee“ und „Nussknacker“ einen dritten Ballettabend hinzu, der das Märchen von Tschaikowskys eigener Vita erzählen will. Herausgekommen ist eine Art Biopic, eine jener auch in Hollywood so beliebten Lebensgeschichten in Schlaglichtern, optisch opulent – wenn man Viacheslav Okunevs Kostüme im Stil der Friedrichstadtpalastrevuen mag –, reißerisch erzählt und dramaturgisch ziemlich oberflächlich.

Der Abend beginnt und endet mit einem Zweikampf: Vladimir Malakhov alias Tschaikowsky tritt gegen sein alter ego an. Schwarzmähnig und energiegeladen, verleiht Roland Savkovic dem zweiten Ich durchaus dämonische Kraft. Unklar bleibt allerdings, wer hier wen wohin treibt. Denn Eifmans Komponist schwankt nicht zwischen Gut und Böse, sondern einfach nur durchs Leben. Von der ersten bis zur letzten Szene windet sich Malakhov mit wilder Stummfilmmimik in den ewig gleichen Seelenqualen. Tschaikowsky geschüttelt – das Publikum gerührt.

Seit der gebürtige Sibirier Boris Eifman 1977 seine eigene Compagnie gründete, sind seine Stücke zum Erfolg verdammt: Denn Geld verdient das „St. Petersburger Ballett-Theater“ nur auf Gastspielreisen im Westen. Auch der 1993 entstandene „Tschaikowsky“-Abend ist ganz auf Geschmeidigkeit angelegt. Eifman verschweigt die homosexuellen Neigungen des Komponisten zwar nicht – wenn dieser in einem Sessel tagträumt, während sein alter ego einen Eleven anschmachtet, der nach zaghaften Annäherungsversuchen allerdings schnell mit einer Tutu-Schönheit entschwindet, dann ist das doch arg harmlos.

Und so ist das Berliner Staatsballett deutlich unterfordert bei der Übertragung der alten Produktion auf die Bühne der Lindenoper, die Olga Kalmikova jetzt für Eifman besorgt hat: Das Corps de Ballett, vor allem aber die exquisiten Solisten könnten so viel mehr zeigen als diese vorhersehbaren Bewegungsabläufe, die viel Aktion, aber wenig Inspiration bieten. Höchst undankbar die Frauenrollen für Beatrice Knop als larmoyante Brieffreundin Nadesha von Meck und Nadja Saidkova als liebestollwütige Gattin – und auch die Titelpartie ist eher etwas für alternde Stars als für einen Mann im Zenit seines Könnens wie Malakhov.

Der Soundtrack stammt natürlich vom Meister persönlich. Eifman verwendet für den ersten Teil die komplette fünfte Sinfonie, für den zweiten ein geschmacklich gewagtes Medley aus „Capriccio italien“, Streicherserenade und „Pathétique“. Alles keine Musik, die für den Orchestergraben gedacht ist – und so knallt und kracht es mächtig, wenn die Staatskapelle unter der Leitung von Alexander Sotnikov loslegt.

Die heftig akklamierte Premiere gab übrigens den Startschuss zum „International Dance Summit Berlin 2006“, das bis zum 14. Mai stattfindet und neben offenen Proben und Diskussionsforen vor allem ein Gastspiel des Tokio Ballett umfasst. Weil die Deutsche Oper wegen Reparaturarbeiten geschlossen ist, wird zudem der Balanchine- Abend des Staatsballetts für zwei Abende samt Charlottenburger Musikern nach Mitte ausgeliehen. Die Staatsoper hat ihr Haus dem Festival sicher gerne zur Verfügung gestellt – weilt doch ihr eigenes Orchester samt Musikchef Barenboim ab Sonntag auf Tournee in Wien.

Wieder am 7., 20., 26. Mai sowie 13., 16., 29. Juni

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