Petina Gappahs Debütroman : Mnemosyne, schreib!

In ihrem ersten Roman „Die Farben des Nachtfalters“ schreibt Petina Gappah über eine Frau in der Todeszelle vom Simbabwes berüchtigtem Chikurubi-Gefängnis.

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Neue Stimme aus Simbabwe: Petina Gappah, Jahrgang 1971. Foto: Patrick Bertschmann
Neue Stimme aus Simbabwe: Petina Gappah, Jahrgang 1971.Foto: Patrick Bertschmann

Die weiße Variante des Birkenspanners, Biston betularia, war im vorindustriellen England noch verbreitet; die hellen Stämme der Birken boten dem schwarz gefleckten Falter reichlich Tarnung. Als im Zuge der industriellen Revolution die Bäume verrußten, passte er sich den Gegebenheiten an und färbte sich schwarz. Erst später, als die Luft wieder sauberer wurde, kehrte das weiße Exemplar mit seinen schwarzen Sprenkeln zurück.

Diese naturkundliche Metamorphose liefert dem ersten Roman der 1971 in Simbabwe geborenen Schriftstellerin Petina Gappah, die 2009 mit der viel gepriesenen Storysammlung „An Elegy for Easterly“ debütierte, Bild und Titel. „Die Farben des Nachtfalters“ (Book of Memory) geht auf eine Nachricht aus dem Jahr 2007 zurück, derzufolge in Simbabwe eine einzige Frau in der Todeszelle saß und auf die Vollstreckung ihres Urteils wartete. Eine unvorstellbare Einsamkeit, die Gappah zu einer Geschichte inspirierte, die nur vordergründig Gewalt, Willkür und Korruption in den Gefängnissen des einstigen afrikanischen Hoffnungsträgers in den Blick nimmt.

Memory sitzt seit zwei Jahren, drei Monaten, sieben Tagen und 13 Stunden im berüchtigten Chikurubi-Gefängnis in Harare ein, als sie beginnt, für eine amerikanische Journalistin, die eine Reportage über sie schreiben will, ihre Geschichte festzuhalten. Ihr wird vorgeworfen, Lloyd Hendricks, einen Weißen, umgebracht zu haben, der sie mit neun Jahren aufnahm und in dessen Landhaus Summer Madness sie viele Jahre lebte. Nach Nächten der Folter durch ihre weißen Aufseher hat sie ein Geständnis unterzeichnet, dessentwegen sie zum Tode verurteilt wurde. Viel zu spät betreibt ihre Anwältin das Berufungsverfahren.

Aufgewachsen im Township

Das Besondere an Memory – oder Mnemosyne, wie Lloyd sie bei der ersten Begegnung begrüßt – ist, dass sie in der schwarzen Township Mufakose im Westen von Harare, wo sie in den achtziger Jahren mit den beiden Schwestern Joyi und Mobhi ihre Kindheit verlebt, wie eine Weiße wirkt. Als Albino-Mädchen halten sie ihre empfindliche helle Haut von der Straße und den Spielen ihrer Kameradinnen fern. Die Farblosigkeit ihrer Augen erregt Misstrauen oder gar Schrecken. Auch in Unwinsidale, dem wohlhabenden Vorort ihres Ziehvaters Lloyd, geht sie aus der Ferne als Weiße durch, beim Näherkommen wird ihre ethnische Herkunft jedoch offensichtlich. Wie der Birkenspanner ist sie unbedingt anpassungsbereit. Doch ihre besondere weiße Haut, in Simbabwe auch nach der Unabhängigkeit noch ein Privileg, macht sie in einer Umgebung, die auf Hautfarben fixiert ist, zur Außenseiterin.

Zu einer Außenseiterin ohne Geschichte. Auf ihrer Familie liegt ein Makel, den Memorys Haut versinnbildlicht. Arm und ohne Angehörige, ganz auf sich gestellt, versucht Memorys Vater, seine Kinder vor der unberechenbaren Mutter zu schützen. Der älteste Sohn Gift ist schon als Säugling gestorben, Mobhi, die Jüngste, ertrinkt unter mysteriösen Umständen. Memory wird von einem immerwährenden Traum vom Ertrinken verfolgt und einer Chimäre, die noch im Gefängnis die Stimme ihrer Mutter in Erinnerung ruft.

Als Neunjährige erlebt sie mit, wie zwischen Lloyd und den Eltern ein Geldbündel die Seiten wechselt und sie fortan bei ihm lebt. Ein Trauma mit frühen Ursprüngen, das Memorys Leben mit diesem Fremden in einer weißen Umgebung bestimmen wird. Petina Gappah erzählt aus der Sicht Memorys alternierend aus der stupiden und brutalen Gegenwart des Gefängnisses und der Vergangenheit in der Township, deren Lärm und Lebendigkeit sich von der späteren Stille in Summer Madness nicht deutlicher abheben könnten. Memorys verschlossene Erinnerungen werden erst zaghaft, dann immer farbiger ins Bewusstsein gehoben, da ist der Geschmack von Brausepulver oder geklauten Pfirsichen, der Geruch von Kampfer oder der leibeigene Schmerz der ungepflegten rissigen Haut, wenn das Sonnenlicht sie trifft.

Der Wunsch, buchstäblich aus der eigenen Haut zu schlüpfen und doch mit und in ihr leben zu müssen, teilt Memory, ohne es zu wissen, mit Lloyd. Sie verrät ihn, obwohl er, wie sie viel zu spät nach einer Fehlinterpretation der eigenen Erinnerungen entdeckt, doch nur ein Menschenfreund war. „Du hast die Wahl“, weist er ihr in bester europäischer Tradition den Weg aus ihrer fatalistischen Ausweglosigkeit. Dass er als privilegierter Weißer mit homosexuellen Neigungen in einem extrem homophob gestimmten Land keine Wahl hat, ist sein Verhängnis.

Aberglauben und Misswirtschaft

Aber von dieser melodramatischen, gelegentlich auch zum Kitsch neigenden Außenseitergeschichte abgesehen, berichtet Gappah von einem Land, das in schweren Kämpfen zwar die Unabhängigkeit errungen hat, nun aber vom Nebeneinander von christlichem Fundamentalismus, atavistischem Aberglauben und Misswirtschaft geprägt ist. Zum einen wird in diesem „unabhängigen, hundertprozentig emanzipierten, voll und ganz indigenen, tiefschwarzen Land alles, was von Weißen stammt, höher geschätzt.“ Zum anderen sind die Menschen gefangen in ihren Vorstellungen von bösen Schicksalsmächten, den Ngozi der Shona-Mythologie, die Memorys Familie verfolgt haben, aber auch die Siedler des einstigen Rhodesiens, die Vorfahren Lloyds, nicht unberührt lassen.

Petina Gappah, die in Genf als Juristin tätig ist, gerade ein Aufenthaltsstipendium am LCB hat und nächstes Jahr Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD sein wird, hat mit Memory eine leuchtkräftige Figur geschaffen, die diesem Fatum durch einen gegen die orale Kultur gesetzten Schreibakt zu entkommen versucht.

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters. Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 2016. 346 Seiten, 22 €.

Hinweis: Die Buchpremiere mit der Autorin findet am Donnerstag, den 1. 9., um 20 Uhr in der Autorenbuchhandlung statt. Am 6. 9. liest sie um 20 Uhr zusammen mit dem Türken Hakan Günfay im Literarischen Colloquium. Am 9. 9. diskutiert Gappah im Rahmen des Literaturfestivals im Heimathafen Neukölln um 19 Uhr mit Deborah Feldman und Taslima Nasrin über „Revoltierende Frauen“.

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