Kultur : Petrowitsch: Chaos und Chamäleon - Andrej Kurkow bereist das wilde Kasachstan

Thomas Schaefer

Korruption und Chaos, Mafiosi und Mörder, Waffen- und Drogenhandel: Vor diesem Hintergrund siedelte Andrej Kurkow seinen hoch gelobten Roman "Picknick auf dem Eis" an, eine gallige Satire auf die Dekadenz und Brutalität der postsowjetischen Gesellschaft, mit der Kurkow 1999 im deutschsprachigen Raum bekannt wurde. Viktor, der moralisch zweifelhafte Held dieses düsteren Buches, entzieht sich der ukrainischen Tristesse durch die Flucht aus Kiew. Ein pikaresker Held, der zum Hans im Glück wird, wobei er Freundschaft, Verantwortung und Grundsätze über Bord wirft.

Wo das "Picknick" entsteht, schließt Kurkows neuer Roman an: Auch dessen Held verlässt Kiew. Wie Viktor ist Kolja eine sympatisch anmutende Verlierergestalt, auch er - ein arbeitsloser und alleinstehender Historiker - schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben und gerät durch seinen Job als Nachtwächter ins Kreuzfeuer einer mafiosen Gruppe, die es auf die finnische Kindernahrung abgesehen hat, die Kolja bewacht und als Rauschgift identifiziert.

Weil er zufällig auf die Spur eines seltenen Dokuments des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko gestoßen ist, das in einem Fort auf der Halbinsel Mangyschlak am Kaspischen Meer versteckt sein soll, verbindet er die fixe Idee, diesen Schatz der nationalen Literatur und Identität zu heben mit der Rettung des nackten Lebens durch die Flucht. Wie Viktor ist auch Kolja ein Egoist: "Das Leben muss Freude machen. Jedem nach seinen Bedürfnissen" ist sein Credo. Deshalb interessiert er sich mehr für Poesie und Philosophie statt für "die flüchtigen Bewegungen der menschlichen Massen".

"Politik ist nur das Baumaterial der neueren Geschichte, so was wie Zement. Mischt man sich ein - dann war alles aus!" Deshalb zieht auch Kolja es vor, keine Fragen zu stellen: Wer zuviel weiß, lebt nicht lange. Womit die Gemeinsamkeiten der Romane zunächst erschöpft sind. Denn die satirische Feinanalyse seines Landes ersetzt der ukrainische Autor diesmal durch einen fulminanten Abenteuerroman - statt an Gogol erinnert er nunmehr eher an Karl May.

Koljas Reise durchs wilde Kasachstan wirkt zunächst oberflächlich, gar kolportagehaft und kaum referierbar. Nach allerlei haarsträubenden Fährnissen gelangt Kara Ben Kolja in die kasachische Wüste, wo er herumirrt, bis ihn ein Nomade rettet und ihm seine Tochter, die märchen- und rätselhafte Gulja, mit auf den Weg gibt. Mit ihr setzt Kolja die Reise zur Dichterfestung fort und bekommt unterwegs Gesellschaft von ukrainischen Verfolgern, deren Identität und Ziele recht nebulös sind. Nachdem man sich mehrfach gegenseitig gefangen genommen hat, schließt man sich zusammen.

Einen literarischen oder sonstigen Schatz findet die Schicksalsgemeinschaft nicht, stattdessen reist man mit einer Fuhre kasachischen Sandes (der auf geheimnisvolle Weise den "ukrainischen Nationalgeist" repräsentiert) per Schiff und Bahn in die Ukraine zurück. Dass unterwegs Waffen, Drogen und Leichen zur Fracht gehören, bewaffnete Desperados, Militärs oder Geheimdienstler auftauchen, irritiert Kolja nicht sonderlich. Stoisch und zurückhaltend lässt er die Reise über sich ergehen, genießt sie sogar: "Ich dachte, dass mir dieses endlose Epos eigentlich sehr gefiel. Ich wollte sogar, dass es wirklich nie zu Ende ging. Dass die Welt, in der wir uns jetzt befinden, die wir bereisten, schon eher einem fiktiven als realen Ziel folgend, meine Welt bliebe, schön, rauh und irgendwie auch grausam."

Obwohl ihm durchaus bewusst ist, dass er sich im Lauf der Reise "Skeptizismus, vielleicht sogar einen gewissen Zynismus" angeeignet hat, "dass jedes beliebige Wissen verpflichtete, jede befriedigte Neugier einem eine Verantwortung auflud", zieht er es vor, von den kriminellen Machenschaften, in die er geraten ist, zu profitieren: "Es war mir völlig schnurz. Hauptsache, es ging mich nichts an. Hauptsache, dass mein wirkliches Leben, mein Leben mit Gulja, glatt und glücklich verlief." Das bringt ihm am Ende Ruhe und Reichtum ein.

Die handlungsüberladene Geschichte ist mitnichten banal: Indem Kurkow die Elemente des Reise- und Abenteuerromans verzerrt, übersteigert er die Situation seines Landes ins Groteske - und ist dann doch wieder Gogol näher als Karl May. Die Satire ist greller und verzweifelter als im ersten Roman, gerade weil das Buch vordergründig atemlose Spannung bietet.

Der Schrecken sitzt tiefer, und je absurder die Ereignisse daherkommen, desto nachhaltiger wirkt die Kritik an Nationalismus, Egoismus und Sittenverfall. Dass man die Verhältnisse nur durch Weggehen und Mitmachen ertragen und überleben kann, ist die zweifelhafte Moral. Wie im "Picknick auf dem Eis" ist dabei ein Tier Symbol der Kurkowschen Gesellschaftsanalyse: war es dort der rührend-unbeholfene Pinguin, der hoffnungslos freundlich eine unschuldige Utopie verkörperte, so hat der neue Roman ein Wappentier, das die unsentimentale Reise mitmacht und dem Roman den Titel gibt: Petrowitsch, ein Chamäleon.

0 Kommentare

Neuester Kommentar