Kultur : Pfade der Erkenntnis - Ausstellung im Berliner Brücke-Museum

Michaela Nolte

Der "Park am Mittag" muss ein sommerlicher gewesen sein - obwohl das 1909 entstandene Aquarell auf gleißende Farben verzichtet, versprüht es eine geradezu schweißtreibende Dynamik. Lockere Pinselhiebe in Rot- und Gelbtönen flirren auf dem Weg und im Unterholz. Blau, Grün und Türkis deuten Geäst und Bäume an. Die Sonne schimmert durch offene, weiße Partien.

Während die Ölbilder Karl Schmidt-Rottluffs in dieser Zeit schon die Attribute der reinen Farbfläche tragen, nutzt er im Aquarell weiterhin den spontan gesetzten Duktus, der an impressionistische Vorbilder erinnert. Doch im Kontrast reiner Farben und dem fast pastosen Auftrag verleiht der große Vertreter des deutschen Expressionismus der Aquarelltechnik eine neue Qualität.

Der naturalistische Gegenstand und der traditionelle Bildaufbau gehen in seinen leidenschaftlichen Farbkompositionen auf: Die "Bauernhäuser" dominieren in Orange, die "Strandkörbe" in duftigem Gelb. Doch bei aller Abstraktion verdichtet der 1884 geborene Autodidakt seine Sujets zu spannungsreicher Stilisierung. Der "Weg im Herbst" bleibt im unmittelbaren Charakter des Aquarells erahnbar und führt den Betrachter auf einen Pfad, der "Gesehenes im Kern des Wesens gibt" - so der Künstler in einem Brief an den Sammler Ernst Beyersdorff.

Mit seinen weit über 2000 Aquarellen hat der "Brücke"-Mitbegründer Schmidt-Rottluff wesentlich zur Wertschätzung dieser Technik beigetragen. Die Ausstellung im Brücke-Museum gibt mit über achtzig Arbeiten einen reichen Einblick, doch legt sie zugleich Ambivalenzen und Brüche seines über sechs Jahrzehnte währenden Schaffens dar. Neben den herben Gestalten und körperhaften Landschaften Schmidt-Rottluffs erscheint die "Entenfamilie" von 1925 in der naturnahen Wiedergabe fast bieder und einem Akademismus frönend, den der junge Schmidt-Rottluff heftig bekämpft hatte. Dagegen zeichnen sich "Maurer I" und "Schnitzender Bauer" durch ihre Disproportion und tiefe Energie aus: Überdimensionale Köpfe lasten auf blockhaften, gedrungenen Körpern, gewinnen aber gerade in der Leichtigkeit des Aquarells eine Schönheit, welche das Monumentale der Ölbilder relativiert.

Eine allzu lineare Konzeption der Ausstellung unterstreicht das bisweilen Disparate: Neben wuchtig-aggressiver Verdichtung im Frühwerk Schmidt-Rottluffs fällt mit den Jahren eine schöne, aber harmlose Gestaltung ins Auge. Auch lässt die chronologische Reihung der Bestände eine für ihn wesentliche Durchdringung der verschiedenen Techniken und Themen vermissen.

Das Monolithische seiner ab 1909 bevorzugten Holzschnitte führt in der Malerei zur großflächigen, kantigen Reduzierung. Kubistisch beeinflusste Bildnisse wie die "Frau am Tisch" aus dem gleichen Jahre markieren diesen Wandel zur reinen, farbigen Flächigkeit. Das Hochformat in warmem Gelb und Rot zeigt die Freundin und Förderin Rosa Schapire, die 1925 das erste Werkverzeichnis seiner Druckgraphik herausgibt.

Die offensive Form- und Farbgebung, die Schmidt-Rottluffs expressionistischen Stil prägt, kehrt sich gerade in den Aquarellen angesichts seines Malverbots während der NS-Zeit spürbar um. "Mondlicht" oder "Abendlandstimmung überm Haff" wirken kontemplativ, ihre differenzierte Bildsprache zeugt mit leisen Tönen von Bedrückung. Die kargen Landschaften "Toter Wald in den Dünen I" oder "Felsen im Schnee" beschwören 1939 die Endzeit mit Baumgerippen und bunkerartigen Felsen.

Wenngleich der betagte Schmidt-Rottluff stilistisch an das Frühwerk anknüpft, gewinnen einige der Aquarelle die beeindruckende Kraft wieder. Die wunderschöne "Trophäe I" erscheint wie die Summe seines vielschichtigen µuvres. Die kühne, aber dennoch Ruhe ausstrahlende Farbigkeit fügt den Eigencharakter der grazilen Frauenmaske mit einer klaren, autarken Tektonik zusammen. Ebenso wie das anrührende Selbstporträt "Alter Maler" zeugt es von der Intensität und nachhaltigen Wirkung des 1976 verstorbenen Altmeisters.Brücke-Museum, Bussardsteig 9, bis 21. Mai. Mittwoch bis Montag 11 - 17 Uhr.

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