Kultur : Pffffffft

Heiße Luft im Kanzleramt: Wenn Schröder zur Performance lädt

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Kanzlerworte sind geflügelte Worte. Deshalb sei nicht verschwiegen, was Gerhard Schröder am Sonntagmittag sagte, als die Performance-Gruppe „Phase 7“ gerade eine dreiviertel Stunde lang bei sommerlicher Hitze ihr Bestes gegeben hatten. „Meine Damen und Herren“, sagte also Gerhard Schröder vor den geladenen Gästen auf dem Dachgarten des Kanzleramtes, „das war Phase 7". Nach einer kurzen Pause fügte er an: „Öh".

Und: „genau". Dass er jetzt keine großen Reden schwingen wolle, sagte er auch noch. Schröders Erklärungsnot war durchaus nachvollziehbar. Es war tatsächlich nicht leicht, das dargebotene Stück – eine „audiovisuelle Auseinandersetzung mit der beschleunigten Zeit“ – auf Anhieb zu verstehen. In Plastikanzüge gezwängt, deren Farbe an derzeit sehr beliebte Autolacke erinnerte, vollführten neun Tänzerinnen und Tänzer eher kryptische Handlungen. Mal standen sie nur da und starrten ins Nirgendwo, mal bewegten sie sich gaaaanz langsam wie beim Thai-Chi. Dann wieder hopsten sie so wild durch die Gegend, dass man bereits beim Zuschauen ins Schwitzen kam.

Dazu rezitierte eine langhaarige Schöne, ebenfalls im Autolack-Dress, merkwürdige Halbsätze. Grob gesprochen ging es dabei um UMTS und Internet, um Realitätsverlust, Vereinzelung und Vereinsamung. Nichts wirklich Neues, möchte man meinen, doch insgesamt natürlich schwer kulturkritisch. Richtig eindrucksvoll war nur der Gastauftritt der Vokalartistin Olga Szwajgier: Schon erstaunlich, was eine gut trainierte Sopranstimme vermag, wenn sie die Grenzen traditioneller Kommunikation hinter sich lässt.

Die Aufführung von „Phase 7“ auf der von Kanzleramtserbauer Axel Schultes als Mischung aus Liegewiese und Böcklinscher Toteninsel gestalteten Freifläche war nicht die erste Gelegenheit, dass Künstler dem Regierungschef die Ehre erwiesen. Seit Jahresbeginn finden hier Lesungen und Ausstellungen statt. Man solle nicht glauben, dass das alles mit dem Wahlkampf zu tun habe, sagte Gerhard Schröder dann auch noch. Das wäre auch keinem der Anwesenden eingefallen. Nicht mal im Traum. Ulrich Clewing

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