Kultur : Pfingstberg in Potsdam: Späte Wiedergutmachung

Helmut Caspar

Immer neue Attraktionen bietet die Schlösserlandschaft von Potsdam. Seit dem vergangenen Wochenende ist der Belvedere auf dem Pfingstberg wieder zugänglich - ein Zeugnis der Lust an Hügeln und Hängen, die die Hohenzollern auszeichnet. Unter den Herrschern gab es einige mit ausgesprochenem Hang zu aufwändigen Schaufassaden in hoch aufragendem Gelände.

Friedrich der Große ließ Schloss Sanssouci auf einem aufgeschütteten Weinberg und einen rundlichen Aussichtsturm auf dem Klausberg unweit des Neuen Palais errichten. Seine mit Türmen und Säulenhallen geschmückten Communs hinter dem Neuen Palais und die palastartigen Wohnhäuser in Potsdam sind prächtige Kulissenarchitektur, jedoch unpraktisch und unbequem. Der Nachfolger des Alten Fritz, Friedrich Wilhelm II., wünschte einen Ausguck auf dem Pfingstberg, Potsdams höchster Erhebung, und ließ in Berlin das bescheidene Brandenburger Tor durch eine stattliche Säulenhalle nach Athener Vorbild ersetzen. Friedrich Wilhelm IV. plante einen mit Prachtbauten bestückten Höhenzug an der Peripherie von Potsdam. Ausgeführt wurden indes die Orangerie auf dem Buckel eines kleinen Berges nicht weit vom Schloss Sanssouci, ein Triumphtor zur Erinnerung an die preußischen Siege in der 48er-Revolution sowie das Belvedere auf dem Pfingstberg. Auch Wilhelm I. hatte es mit Hügeln und prächtigen Aussichten, sonst hätte er sich nicht im Park von Babelsberg niedergelassen.

Wenn man das zum Teil schon restaurierte Pfingstbergschloss betritt, erbaut mit längeren Abständen zwischen 1847 und 1863 nach Zeichnungen des Kronprinzen und ab 1840 des Königs Friedrich Wilhelm IV. in der Gestalt einer italienischen Villa, kann man angesichts des prachtvollen Panoramas den Wunsch nachvollziehen, hier einen Aussichtsturm und einen von allen Seiten Potsdams weithin sichtbaren point de vue zu errichten. Friedrich Wilhelm II. hatte um 1793 einen solchen Plan. Der königliche Ausguck hätte gut zu den Bauten im Neuen Garten gepasst, den der "dicke Wilhelm" mit dem Marmorpalais bestückt und zu seinem Lieblingssitz bestimmt hatte. Der Spannungsbogen vom Marmorpalais hinüber zur Pfaueninsel und zurück zum Pfingstberg entsprach der Sehnsucht nach edel gestalteter Natur.

Erst ein halbes Jahrhundert später ging Friedrich Wilhelm IV. daran, den Traum von einer alles beherrschenden "Schönen Aussicht" auf dem Pfingstberg zu verwirklichen. Wer sich auf den Hügel begab - und mehr ist es auch nicht -, dem bot sich eine "wundervolle Umschau, unstreitig die reichste und herrlichste in den Umgebungen Potsdams", wie 1850 ein Enthusiast schrieb. Der "Romantiker auf dem Königsthron" holte sich hier ein Stück Italien in die sandige Mark Brandenburg, vergleichbar mit Schloss Charlottenhof oder benachbarten Bauten im Park von Sanssouci sowie der Kirche in Sacrow. Die Ausführung übernahmen die Baumeister Persius, Stüler und Hesse. Sie mussten sich ständigen Änderungswünschen des Monarchen fügen und machten Unmögliches möglich - eine vor allem auf Schaueffekte abzielende Kombination von Türmen, Treppen, Kolonnaden, hohen Wänden; zierlich im Detail, wuchtig in der Fernwirkung.

Indes hielt die Begeisterung an der "wahrhaft panoramatischen Aussicht auf die Stadt, die breite Havel so wie auf die reizend gelegenen Dörfer und Villen der Umgebung" nicht lange an, denn nach dem Tod Friedrich Wilhelms IV. im Jahr 1861 gab es bei Hofe andere Interessen. Der Nachfolger, (König und später Kaiser) Wilhelm I., konnte mit der Kulissenarchitektur wenig anfangen. Doch ließ er in reduzierter Form weiter arbeiten, um das Belvedere vor Wetterunbilden zu schützen. Auf großartige Kaskaden und Terrassen wurde verzichtet. Wie so oft, ließen gewandelter Geschmack und andersartige Ambitionen bei den Hohenzollern ein hochkarätiges Bauwerk in Dornröschenschlaf fallen.

Wasserspeicher mit Aussicht

Der Pfingstberg geriet in Vergessenheit, Reiseführer hielten die langsam zuwachsende Anlage kaum der Erwähnung wert. In Darstellungen zur Geschichte der preußischen Schlossbaukunst spielte das Belvedere nur eine untergeordnete Rolle. Praktischen Nutzen hatte die Anlage eigentlich nur deshalb, weil das große Wasserbecken im Hof als Reservoir für die Wasserspiele im Neuen Garten diente.

Wie durch ein Wunder hatte das Pfingstberg-Belvedere den Zweiten Weltkrieg überstanden. Doch als sich in dem Gelände in Hörweite zu West-Berlin der sowjetische Geheimdienst KGB breit machte, war ein Herankommen kaum mehr möglich.

Das eindrucksvolle Bauwerk konnte nicht ordentlich in Stand gehalten werden, und so war es nur eine Frage der Zeit, dass es aus den Fugen geriet und zu einem ernsten Pflegefall wurde. Das Gebälk verfaulte, Steine stürzten herab, löchrige Dächer ließen Wasser hindurch. Vandalen taten ein Übriges, um das stolze Bauwerk in eine Ruine zu verwandeln, und manchem Spaziergänger werden noch Sowjetsoldaten aus den nahen Kasernen in unangenehmer Erinnerung sein, die immer wieder kleinere Brände verursachten.

In den späten DDR-Jahren begann eine Potsdamer Bürgerinitiative erste Pflegemaßnahmen im Gartenbereich. Die Behörden empfanden es als Provokation, als von jungen Heimat- und Denkmalfreunden deutlich gemacht wurde, wie wenig die Wirklichkeit mit dem gern verkündeten kulturpolitischen Anspruch übereinstimmte und dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis das Pfingstbergschloss gänzlich verschwinde. Doch unternommen wurde klugerweise gegen die Bürgerinitiative nichts, aus der der Förderverein Pfingstberg unter Leitung von Wieland Eschenburg hervorging.

Der gelernte Orgelbauer spricht von einem Wunder, an das niemand geglaubt habe, als man mit Sägen, Spaten und Hacken daran ging, das wuchernde Grün auf dem Berg zu beseitigen. Zuerst bewahrte der Verein den im frühen 19. Jahrhundert nach Plänen des jungen Schinkel errichteten, von der Hofgesellschaft für gelegentliche Teestunden genutzten Pomonatempel unterhalb des Belvedere vor der völligen Zerstörung, ehe dank mäzenatischer Spenden der Wiederaufbau vonstatten gehen konnte. Für Eschenburg war das bereits ein kaum erreichbares Ziel. Jetzt steht er verwundert vor dem fast wiederhergestellten Pfingstbergschloss. Ein unlängst mit der Preußischen Schlösserstiftung abgeschlossener Kooperationsvertrag überträgt es in die Verantwortung des Fördervereins, der mit den Eintrittsgeldern und weiterhin dringend nötigen Spenden, aber auch durch Mieteinnahmen für Kulturveranstaltungen die noch ausstehenden Sanierungsarbeiten und den laufenden Unterhalt finanzieren will. Dass noch einiges zu tun ist, sieht man nicht nur an Gerüsten, Plastikplanen und Baumaterialien, sondern auch an fehlenden Details wie Treppen, Bogengängen, Brüstungen und Säulenschmuck. Da nicht alles zerschlagen wurde, konnten wieder aufgefundene Terrakottareste und Zinkguss-Stücke zur Wiederherstellung genutzt werden.

Der jetzt entfachte Besucheranstrom hilft: Die Eintrittsgelder werden dringend benötigt, um den lange vergessenen Sehnsuchtsbau eines preußischen Arkadien gänzlich zurückzugewinnen.

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