Kultur : Pfingstlicher Ernst

PETER SÜHRING

Die Berliner Symphoniker spielen nicht mehr um ihr Leben, sondern für ihr Leben gern - und gut, sehr gut sogar! Sie haben am Pfingstsonntag im Schauspielhaus einen Bruckner hingelegt, da war einfach alles dran, was Gutes an einem Bruckner dran sein kann.Ihr Chefdirigent Lior Shambadal ist nicht nur ein Zuchtmeister, sondern auch Ekstatiker.Nicht umsonst gebärdet er sich wie ein Dompteur, sondern um seinen Musikern die Wildheiten Bruckners zu entlocken und gleichzeitig im Zaum zu halten.

Mit seiner dritten Sinfonie mußte sich Bruckner selbst hinrichten.Während der von ihm fünf Jahre nach ihrer Entstehung versuchten Uraufführung zischten die Zuhörer, feixten die Musiker.Wie anders, mit wie geradezu pfingstlichem Ernst und Enthusiasmus wurde sie von Shambadal exekutiert.Daß Bruckner von der Orgel her denkt (wie später Olivier Messiaen, dessen symphonische Meditationen in sinniger Programmgestaltung vor der Pause exzellent vorgetragen wurden) und als säße er immer noch auf der Orgelbank von St.Florian in die Orchesterpartitur hineinimprovisiert, daß er instrumentiert wie wenn er Register zieht, machte Shambadal spektakulär deutlich.Ein unbekannter Bruckner mit grotesken Masken passierte Revue: Bruckner als Choleriker, Sanftmütiger, Heroiker, Charmeur, Prediger, verwinkelter Argumentierer, Tänzer, der den Furiant über die böhmische Grenze holt und orchestral zum Bersten bringt, als Ikarus, der sich im Blech zum Absturz bringt und von wogenden Streichern auffangen läßt.Alles, was sonst bei Bruckner nervt, seine Fahrigkeit, seine Tolpatschigkeit, seine Zählwut, es war wie weggeblasen, von Shambadal gut retuschiert.Nur die begeistungsfähigen Berliner, die Dirigent und Orchester mit Bravorufen eingedeckt hätten, die fehlten am Schluß.

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