Kultur : Pflaster putzen

Im Kino: eine Doku über Demnigs Stolpersteine

Christina Tilmann

Auch Altruisten kennen Eitelkeiten. Gunter Demnig, der Kölner Künstler mit dem Cowboyhut, steht in Wien und ärgert sich. Da hat eine Initiative begonnen, „Steine der Erinnerung“ zu verlegen. Allerdings nicht nach Demnigs System. Die Messingplatten sind nicht handgefertigt, sie liegen auch nicht vor den Häusern, in denen die Menschen lebten, an die sie erinnern. Überhaupt: Ideen klaut man nicht.

Nicht der einzige Wermutstropfen in einer Erfolgsgeschichte. München weigert sich seit Jahren, Stolpersteine verlegen zu lassen – man solle das Andenken nicht mit Füßen treten, ist die Haltung der Jüdischen Gemeinde. Egal, dass Nachkommen wie Peter Jordan sich gerade diese Form des Gedenkens für ihre Eltern wünschen. Inzwischen warten 120 Stolpersteine in München auf ihre Verlegung.

Eine der schönsten Szenen in Dörte Frankes Dokumentarfilm „Stolperstein“ ist die, in der der in England lebende Jordan den Brief vorliest, den er Charlotte Knobloch geschrieben hat – und dann, in stockendem Deutsch, die Antwortbriefe Münchner Schulklassen. Überhaupt fehlt es nicht an komischen Momenten in dieser Geschichte, die der Erinnerung an schreckliche Untaten gewidmet ist. Die Hamburger Bürgerinnen, die sich wöchentlich zum Steineputzen treffen. Die Berliner Polizisten, die sich über den falsch geparkten Lkw erregen. Und Demnigs Schilderung, wie er seiner Mitarbeiterin Uta Franke den Hof gemacht hat: Das ist von eigener, schräger Poesie.

Unaufgeregt, doch voller Sympathie schildert der Film nicht nur die generalstabsmäßige Planung der Steinverlegung. Sie zeigt auch das Dilemma eines Künstlers, dem die eigene Idee längst über den Kopf gewachsen ist. Gunter Demnig muss am Ende lernen, Hilfe zu akzeptieren. Die Aktion hat, so Uta Franke, Ausmaße einer Bürgergewegung angenommen. Am 17. November werden wieder Steine in Berlin verlegt. Christina Tilmann

Broadway, Brotfabrik und Kino Hackesche Höfe. Am 10. November, 23. 15 Uhr, läuft eine Kurzfassung im WDR.

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