Kultur : Pflicht ist Neigung

Eindrucksvoll: „Der weiße Rabe“ – eine Doku über den einstigen KZ-Häftling Max Mannheimer

Silvia Hallensleben

Seinen silbernen Tatra mit der Heckflosse kann er wohl nicht mehr fahren mit fast 90. Er wird kutschiert. Sonst aber scheint Max Mannheimer kaum verändert, auch nicht in Gedächtnis- und Tatkraft. Vor sechs Jahren war er schon einmal Held eines Films: In Bernd Fischers „Grüße aus Dachau!“ stahl der ehemalige KZ-Häftling als engagierter Führer durch seine einstige Leidensstätte mit seinem ebenso bescheidenen wie unverblümten Auftreten allen die Schau. Jetzt hat Carolin Otto dem Mann, der nach einer Zufallsbegegnung auf einem Autobahnparkplatz 1988 ihr Freund wurde, einen Porträtfilm gewidmet.

Max Mannheimer, 1920 in Neutitschein in Nordmähren geboren und 1943 nach Theresienstadt deportiert, hat mit Chuzpe und Glück insgesamt vier Konzentrationslager – darunter Auschwitz – durchgestanden und überlebt. Als er 1945 von US-Truppen aus einem Zug befreit wurde, wog er gerade noch 36 Kilo, seine erste Ehefrau, die Eltern und drei Geschwister waren von den Nazis ermordet worden. Mit Deutschland wollte er nichts mehr zu tun haben. Doch dann verliebte er sich in eine deutsche Widerstandskämpferin, heiratete und blieb in Bayern.

In der Familie über das Durchlittene sprechen konnte er wie die meisten Überlebenden nicht, vergessen noch viel weniger: Jedes Detail ist im Körper eingebrannt. Doch als auch seine zweite Ehefrau früh stirbt, schreibt er seine Erinnerungen für die Tochter auf. Noch später entscheidet er sich, sein Wissen weiterzugeben – an Schüler, Erwachsene und die Touristen aus Indien oder Israel, die die Dachauer KZ-Gedenkstätte besuchen. Da spricht der Mann mit dem markanten weißen Haarschopf die Besucher an, konfrontiert sie mit der Häftlingsnummer auf seinem Arm und bietet ihnen eine persönliche Führung an. Dabei ist er eigentlich schüchtern, sagt er. Doch das Pflichtbewusstsein siegt.

Mannheimers Programm ist offensive Versöhnung, von Kollektivschuld hält er nichts. Das Filmteam begleitet ihn zu den Begegnungen mit Schulklassen und Gedenkreden, ist aber auch bei intimeren Momenten dabei. Beim Malen, neben dem Erzählen Mannheimers zweite Methode der Selbsttherapie, oder beim Treffen mit der Tochter, die sagt, dass auch sie die väterlichen Aufzeichnungen nur in Bruchstücken lesen konnte – zu schmerzvoll die Konfrontation. Mannheimer reagiert auf dieses Geständnis kaum, jedenfalls nicht sichtbar.

Trotz solch starker Momente wirkt der Film im Ganzen eher unkonzentriert. Vielleicht ist Freundschaft doch nicht die richtige Basis für ein Porträt. Als bewegendes Zeugnis eines bemerkenswerten kämpferischen Lebens hat „Der weiße Rabe“ dennoch Aufmerksamkeit verdient. Nicht mehr lang, dann werden die damals Überlebenden nur noch durch die Kamera zu uns sprechen können.

Filmkunst 66, Hackesche Höfe

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