Kultur : Phänomen aus Yorkshire

HEINZ OHFF

Er sah - klein aber kräftig gewachsen - eher aus wie ein Handwerker als ein Künstler.Daß er aus einer arbeitsamen Gegend kam, nämlich dem englischen Norden, Yorkshire, sah man ihm dagegen sofort an.Was ihm völlig fehlte, war, was man an Künstlern, englischen dazu, als erstes sucht: Exzentrizität.Er sprach zwar gern über Bildhauerei im allgemeinen, aber doch mit einem gewissen Abstand, den er, wie es schien, auch zu seinem eigenen Werk einhielt.Henry Moore war, als er am 31.August 1986 in seinem Atelierhaus in Much Hadham bei London im Alter von 87 Jahren starb, über mehrere Jahrzehnte hinweg der führende Bildhauer seiner Zeit gewesen.Seinen beiden Vorbildern, Cézanne und Picasso, glich er nicht.Er war weder ein spät Erkannter und lange Zeit Übersehener wie Cézanne und schon gar kein Bohemien wie Picasso.Als Anreger seiner Kunst nannte er - neben den beiden Malern - merkwürdigerweise vor allem Romanschriftsteller mit dem in Deutschland immer noch unterschätzten Thomas Hardy an der Spitze, gefolgt von D.H.Lawrence, Tolstoi, Dostojewski und Stendhal.

Alles an ihm schien normal: die Herkunft, das siebente Kind einer Bergarbeiterfamilie, seine Schulausbildung, seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg - bis auf seinen Wunsch, ausgerechnet Bildhauer zu werden.

Die Bildhauerei hatte nie im Vordergrund des englischen Kunstinteresses gestanden und schon gar nicht in Yorkshire.Als er in Leeds, ein entlassener Soldat, auf seinem Ausbildungswunsch bestand, obwohl es dort keine Bildhauer-Abteilung gab, mußte für ihn als einzigem Schüler dort eine solche eingerichtet werden.Auf derartige Weise geradlinig verlief sein gesamter Werdegang: Stipendium für London, Reisen nach Italien, Teilnahme an Ausstellungen (die erste deutsche in Hamburg 1931), im Krieg die berühmten U-Bahn-Bunker-Zeichnungen, Lehraufträge und plötzlich heimliches Oberhaupt zeitgenössischer Bildhauerei.Ein sehr englischer Werdegang.

Was intern in seinem Werk geschah, war umso dramatischer.Der angebliche Gegensatz zwischen abstrakt und gegenständlich war in seinem Werk aufgehoben.Seine Plastiken, die Liegenden, die Krieger mit Schild, die Mütter mit Kind, die berühmte Freilicht-Skulptur "König und Königin", am Ende die Elefantenschädel und Helmköpfe - sie waren beides, abstrakt und gegenständlich.Sie waren auch archaisch und modern, und wenn nicht jedermann, so doch der Mehrzahl der überhaupt von Kunst Berührten zugänglich.Eine Weile gab es kein Museum auf der Welt, das nicht einen Henry Moore am Eingang stehen hatte.Seine Plastiken versöhnten manche Unversöhnbaren mit der sogenannten Moderne.Für ihre Akzeptanz hat keiner mehr getan als der Mann aus Yorkshire, der kaum, daß man ihn ansprach, hinter sein Werk zurückzutreten pflegte.

Zu Berlin hatte Henry Moore, der heute 100 wäre, ein besonderes Verhältnis.Er war oft hier nicht nur zur unvergeßlichen Ausstellung in der Akademie der Künste im Juli 1961, sondern auch zur Arbeit am Guß.Dem Bronzegießer Hermann Noack vertraute er wie keinem anderen.

Seine Schüler wurden von ihm anscheinend bewußt nicht zu kleinen Moores herangezogen.Zu ihnen gehören die Berlinerin Brigitte Matschinsky-Denninghoff und der Engländer Anthony Caro.Beide haben ihren eigenen Weg gefunden, beide mehr oder weniger in entgegengesetzter Richtung.Einen direkten Nachfolger konnte es für Henry Moore auch wohl nicht geben.Er ist einzigartig geblieben, ein Phänomen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar