Kultur : Phantom-Bilder

Kunst-Prozess: die Direktorin des Brücke-Museums und ihre umstrittenen Gutachten

Claudia Keller

Die Lindenstraße ist Potsdams Antiquitätenmeile. In einem der hübsch sanierten Häuser hatte bis vor kurzem der Kunsthändler Helmut Dohnke sein Geschäft. Ein paar Häuser weiter verhandelt das Landgericht Potsdam einen Fall, in den der Galerist involviert ist: Der Kunsthändler Florian Seidel fordert von Magdalena M. Moeller, der Direktorin des Berliner Brücke-Museums, 178000 Euro Schadensersatz. Moeller soll Gutachten geschrieben haben für die Gemälde, die Seidel für 200000 Euro als Originale von Karl Schmidt-Rottluff gekauft hat – von Dohnke. Aber dann stellte sich heraus, dass die vermeintlichen Originale Fälschungen sind.

Seidel sagt, ausschlaggebend für seinen Kauf seien Moellers Expertisen gewesen, die die Echtheit zertifizierten. Und da die Kunsthistorikerin und Schmidt-Rottluff-Expertin obendrein Museums-Direktorin ist, geht es nicht nur um viel Geld, sondern auch um die Ehre. Deshalb wurden in dieser Woche die Sachverhalte vor Gericht nicht nüchtern vorgetragen, sondern mitunter so laut, dass sich Richterin Barbara Seipp-Achilles die Ohren zuhielt. „Glauben Sie,“ rief Moeller, ,,ich kann einen Schmidt-Rottluff aus den 30ern nicht von einem aus den 12er Jahren unterscheiden?“ Aus welcher Schaffensperiode die vier strittigen Landschaften stammen, lässt sich nicht feststellen: Niemand hat die Originale gesehen. Das heißt, vor eineinhalb Jahren noch behauptete Moeller in eben jenem Landgericht Potsdam, sie habe die Originale gesehen, denn nichts als Originale habe ihr der Kunsthändler Dohnke gezeigt. Dass er später Fälschungen mit ihren Expertisen verkauft habe, sei nicht ihre Schuld. Beweisen konnte sie das bisher nicht. Seidel hält ihr entgegen, dass es keine Originale gibt und Moeller Fälschungen zertifiziert hat. Auch er konnte das bisher nicht beweisen.

Das Verfahren geht bald ins dritte Jahr und stagniert, weil sich die Parteien nicht auf einen unparteiischen Sachverständigen einigen können. Dass die Bilder, die der Kunsthändler zur Begutachtung vorlegte, Originale waren, behauptet die Museumsdirektorin heute nicht mehr. Aber sie ist sich sicher, dass die Gemälde nicht mit denen identisch waren, die Seidel kaufte. Folglich habe sein Schaden nichts mit ihren Gutachten zu tun. Möglicherweise, so Richterin Seipp-Achilles, muss der Prozess noch einmal von vorne aufgerollt werden. Denn vor wenigen Tagen hatte Moellers Anwalt „neue Tatsachen“ vorgetragen, so Seipp-Achilles, „die darauf hindeuten könnten, dass Moeller tatsächlich nicht dieselben Bilder begutachtet hat, die Seidel gekauft hat“. Sondern nur die gleichen – also Doubletten. Wobei der Unterschied zwischen demselben und dem Gleichen fast 200000 Euro ausmacht.

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