Kultur : Phantom Schwarze Rose

Die RAF war eine Erfindung ihrer Anhänger und Gegner. Das müsste man zeigen – auch in einer Ausstellung

Caroline Fetscher

Manchmal gab es Geschichtsunterricht ohne Klassenzimmer. Zum Beispiel, wenn wir als Kinder mit einem Erwachsenen die Straße entlangliefen und der uns verstohlen einen Passanten zeigte: „Guckt mal, Frau H. da drüben, die hat damals Nachbarn denunziert, die kamen dann ins KZ!" Oder, geflüstert: „Der Mann, der an der Bäckerei vorbeiläuft, das ist Herr G., einer, der mit dem Gauleiter in der Opernloge gesessen hat.“

Die Welt war nicht in Ordnung. Unter der Schutzglocke unseres freundlichen Landes, wo alles seinen Ort hatte, Schule und Spielplatz, Donald Duck und Astrid Lindgren, stimmte etwas nicht. Die Vergangenheit war nicht vergangen, und man ahnte, sie war monströs. Alles Gute war verfolgt worden und fast alle Verfolgten getötet. Auch die Studenten der Weißen Rose, die für die Jungen im Land der Täter wichtige Identifikationsfiguren hätten sein können. Täter aber hatten zuhauf überlebt. Vieles war in Unordnung. In Vietnam gab es Krieg, in der Welt Hunger, in der bundesdeutschen Wirtschaft alte Nazis. Die Armen waren zu arm und die Reichen zu reich. Soweit die Gesellschaftsanalyse einer Dreizehnjährigen.

Wie und warum konnte dann die zweifelhafte Aura der „Roten Armee Fraktion“ viele von uns Jugendlichen ergreifen? Warum war Ulrike Meinhofs Festnahme 1972 auf dem Schulhof eines Frankfurter Gymnasiums Anlass zu Trauer, Bitterkeit und Enttäuschung?

Eine Ausstellung über die RAF – für 2004 in den Berliner Kunstwerken geplant und schon jetzt umstritten –, sie müsste sich mit der RAF als Symptom der Nachkriegsrepublik befassen. Nicht um einen „Mythos RAF“ sollte es gehen, sondern um Entmythisierung. Die RAF war real, und beide Seiten haben in der Realität mitgewirkt, Gegner wie Anhänger. Warum sie die einen so fasziniert, die anderen so panisch gemacht hat, wie sie überhaupt entstehen konnte, welche Wendungen und Spiegelungen der Bundesrepublik sich an der RAF ablesen lassen, das müsste eine Ausstellung beleuchten.

Was bewog Jugendliche, mit RAF-Helden zu sympathisieren? Im August 1965 war Ulrike Meinhof zu einer Geldstrafe von 600 Mark verurteilt worden, weil sie den CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß in der Zeitschrift „konkret“ den „infamsten deutschen Politiker“ genannt hatte. Sie setzte sich für Heimkinder ein und gegen Nazis, in einem Wort: Sie war für uns auf der richtigen Seite. Wir wussten nichts vom RAF-Training bei palästinensischen Paramilitärs in Jordanien. Und wir sahen in den Opfern der RAF alte Nazis oder zweifelhafte Kapitalisten. Wir glaubten an ein Gefühl für Unrecht, hatten eine Ahnung vom Faschismus, aber ganz und gar keinen klaren Begriff von Demokratie und Rechtsstaat.

Mit einer politischen Dekonstruktion der RAF-Symbole und Aussagen wäre einiges zu gewinnen. Denn die RAF wurde – und wird noch oft – als eine Art Naturphänomen der Bundesrepublik betrachtet, eine unvermittelt aufgetretene Epidemie an den Rändern der Gesellschaft. Dabei war sie ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, ein Ausdruck kollektiven Empörens, Begehrens, Verdrängens – und gemeinsamen, unbewussten Sprechens. Was trieb intelligente, junge Linke aus „guten Häusern“ (nicht zuletzt: Pfarrhäusern) in eine hermetische, sektenartige Gruppe und motivierte sie zu Mordtaten?

Ulrike Meinhof schrieb 1968 in „konkret“: „Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch.“ Kapital müsse ins „Bildungswesen“ und „Gesundheitswesen“ fließen anstatt in die Taschen der Profiteure. Meinhof endet mit einem Zitat von Fritz Teufel: „Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben.“

Die meisten Täter der RAF wurden in den Kriegs- und Vorkriegsjahren geboren. Dem mangelnden Widerstand gegen den Faschismus begegneten sie auf phantasmagorische Weise – sie lebten „im Untergrund“, wie von der Gestapo verfolgt – und totalitärem Gebaren. Sie kommunizierten miteinander in ideologisch zum Bersten aufgeladenen Phrasen. Auf unheimliche Weise mischen sich etwa in Meinhofs Brandstiftungs-Anstiftung gegen Kaufhäuser das Phantasma einer „Kristallnacht“ mit gesellschaftlich sinnvollen, ethisch motivierten Wünschen und sozialstaatlichen Entwürfen. Wo RAF-Positionen gegen „Israels Zionismus“ polemisierten und das Attentat auf israelische Olympia-Sportler im September 1972 guthießen, verschmolzen linke und rechte Ressentiments – zu einem sehr deutschen Gemisch.

Suchte also die RAF-Generation verspätet einen Widerstand nachzuholen, den es nicht gegeben hatte, und erlebte sich subjektiv in einem „faschistischen“ Staat, den es objektiv nicht mehr gab? Sektiererisch bezog sich die RAF nicht nur auf sozialistische Theoretiker, sondern auch auf Melvilles Roman „Moby Dick“, man sah im Wal, im Leviathan, den Staat, in Kapitän Ahab Baader oder in Steuermann Starbuck Holger Meins.

Indem die Sekte RAF Vergangenheit und Gegenwart in einer Weise amalgamierte, die klare Analysen auszublenden vermochte, steckte sie andere an mit ihrer Emphase für das Reale: die Tat. Die Straftat. Das schien konkreter, gelebter Zorn auf alles Falsche, alle Lügen. Zugleich reproduzierte und produzierte die RAF Falsches und Kriminelles – in medial attraktiver Gestalt. So gerierten sich Baader und Ensslin als Bonnie and Clyde, mit dem Flair der radikalen Dissidenz.

Nein, die RAF war nicht die Weiße Rose. Aber sie schien deren posthumer Rächer sein zu wollen, quasi als Schwarze Rose, so sahen es jedenfalls Jugendliche in den Siebzigerjahren. Offenbar zog der paranoide Zeit-Kollaps der RAF, die sich im Kampf wider „das System“ wähnte, viele in das Delirium direkt hinein. Sie wurden zu Miterfindern der RAF-Welt. Entsprechend delirierend reagierten mithin auch die dezidierten RAF-Gegner, „das System“ eben. Der angestammten Heimat Deutschland drohte das Chaos, und Stammheim war die Antwort. Die andere Bezeichnung für Stammheim war „Hochsicherheitstrakt“ – einer der paranoidesten Begriffe und Orte, den dieses Land hervorbrachte. Gemeinsam bastelten Gegner und so genannte Sympathisanten an ihrer „RAF“, am Symptom eines Staates, der sich teilweise in den Staatsfeinden spiegelt.

Die Tragödie der RAF, ihr Auftauchen und Abtauchen, das sind Symptome der Siebziger-, Achtzigerjahre. Eine RAF-Ausstellung kann erhellend sein, wenn sie die Fäden wirklich entwirren will. Dann ginge es darum, zu fragen, wie dieses spezifische deutsche Defizit an Realitätssinn, Demokratieverständnis und Empathie hatte entstehen können. Vielleicht würde man dann begreifen, dass die RAF ein Zeit-Kapitel war, an dem viele mitgeschrieben haben.

Wie kann, wie soll eine Ausstellung über die RAF aussehen? Nach Überlegungen von Andres Veiel, Harald Martenstein, Christoph Stölzl, Diedrich Diederichsen, Hans-Ludwig Zachert und jetzt Caroline Fetscher folgt ein Beitrag von Gregor Seeßlen.

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