Kultur : Phantome der Oper

Alte Musik, neuer Markt: Tankred Dorsts „Purcells Traum“ in Wiesbaden uraufgeführt

Peter von Becker

Eine alte Oper, geschlossen, längst im Zerfall und doch schon wieder ein Objekt ganz neuer Fantasien und Begierden. Hier soll ein Einkaufscenter entstehen, mit Gastronomie und Fitnessoasen, das volle Programm für Pipapo. Aber vor dem drohenden Abriss, zwischen verwitterndem Pomp, im eingefallenen Orchestergraben und unterm zerrissenen Bühnenhimmel ist die Ruine der schönen Kunst noch immer von den Spuren verklungener Leidenschaften gezeichnet. In dem labyrinthischen Haus nisten, spuken die Geister von einst. Das Theater der alten Musik spielt hier noch einmal an gegen das Theater des neuen Markts.

Eine schöne, romantische Idee. Also treffen in „Purcells Traum von König Artus“, Tankred Dorsts romantisch schönem neuen Stück, das Schauspiel und die Musik, der Kunstwahn und der Kommerzwahn als zwei Welten in einer Welt aufeinander. Für das Theater von heute ist das eine im Wortsinne wunderbare Einladung: Sie hat als Erstes das Hessische Staatstheater in Wiesbaden angenommen und sich mit dem einst hochbegehrten, inzwischen etwas aus den Feuilletonschlagzeilen geratenen Regisseur David Mouchtar-Samorai an der Uraufführung versucht. Eine ambitionierte Koproduktion, Musiktheater und Schauspiel im gründerzeitlich prunkenden Opernhaus. Auf den ersten Blick ein passender Rahmen. Denn Dorst, der 2006 in Bayreuth nun wohl gewiss den „Ring“ inszenieren wird, hat zusammen mit seiner Frau und Muse Ursula Ehler in dieser Weltenmischung auch zwei (oder mehr) Kulturen, Kunstzeiten, Kunstwerke ineinander kopiert und zugleich neu erfunden.

Geschäftsleute von heute, die Anteilseigner des Immobilienfonds mit dem gerade erwogenen, anspielungsreichen Namen „Camelot“, begehen die Opernruine und wollen im stimmungsvollen Kunstgemäuer ihren Kontrakt feiern. Da erheben sich unter Schutt und Müll die Gestalten von einst, erklingen Stimmen wie auf Prosperos und Ariels Zauberinsel, wie in Shakespares „Sturm“.

Es sind das freilich die Stimmen und Figuren, manchmal auch nur Figurenspuren, aus Henry Purcells „King Arthur“ von 1691: einer barocken „Halb-Oper“, jenem Mixtum compositum aus Singspiel, heroischem Schauspiel und Feen-Zaubermärchen. König Artus und seine Ritter, der Magier Merlin und die blinde Prinzessin Emmeline kämpfen, zaubern, zicken da als mythische Briten mit den dämonischen Sachsen. Ein früher Ost-West-Konflikt, hehres Albion gegen perfides Teutonia auch – das hatten zuletzt in Salzburg Jürgen Flimm und Nicolaus Harnoncourt als lustiges Weltkabarett eher überdreht.

Tankred Dorst geht das als Dichter kühner und trotzdem bescheidener an. Er lässt weiterhin Purcells Musik spielen und die englischen Originalverse singen – als Echo der Vergangenheit und Widerspiel zur profaneren Gegenwart. Zwischen den kürzeren Musikpartien aber erwachen Artus und Merlin ebenso wie ein paar heutige Stadtstreicher, Obdachlose, Zwischenweltreisende in der Ruine. Sie spielen nun auf der unsichtbar ahnbaren Folie von Purcell und seinem damaligen Textdichter John Dryden ein ganz neues Spiel. Ein Dorst-Stück. Und des heutigen Dichters Einfall ist die Figur des Sängers „Purcell“, der einem Orpheus gleich in die Unter- und Geisterwelt des künstlerischen Abbruchs, des kommerziellen Aufbruchs gerät. Und der ein heimlicher, unheimlicher Spielmeister ist, dem Dorst, der ja selbst ein mächtiges „Merlin“- Drama gschrieben hat, hier eher vertraut als dem jetzt abgetakelten Zauberer an König Artus’ verlorenem Hof.

Die Wiesbadener Uraufführung zeigt von diesem delikat-raffinierten Spiel zwischen den Stilen, Zeiten und Welten freilich nur einen Abglanz. Wenn Artus unter den handy- statt schwertbewaffneten Investoren erwacht und sich über deren „seltsame Verkleidung“ wundert, verspielt man sofort den Kontrast. Der junge Artus-Darsteller (Sebastian Münster) ist nämlich von keinem Staub der Geschichte gezeichnet, sondern tritt in Shirt und flotten Sommerhosen wie ein Künstler von heute auf. Wo es leise oder mysteriös zugehen müsste, wird dann laut und frontal deklamiert, nie sind von der Regie poetische Innen- und Außenräume geschieden, und wenn Figuren einander nur fast berühren sollen, wird jedesmal derb zugepackt.

So aber wirkt auf der kunsthandwerklich einfallslosen Bühne (von Heinz Hauser) auch das Befremdende geheimislos. Dorsts Imaginationen werden – außer von der blinden Emmeline (Franziska Geyer erinnert manchmal an die junge Jutta Lampe) – spielerisch durchweg vergröbert. Dafür verzaubert der schöne Mezzosopran von Katharina Magiera als Purcell, und überhaupt dominiert die Musik: schlank orchestriert von Arne Willimczik und dem bearbeitenden Komponisten Ernst August Klötzke. Dorsts Schauspiel-„Traum von König Artus“ bleibt indes noch weiter zu entdecken.

Nächste Vorstellungen am 30. Oktober und 11. November. Informationen unter www.staatstheater-wiesbaden.de

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