Phil Collins stellt sich der Vergangenheit : Sex & Drugs & Rollatoren

In der ewigen Jugendkultur des Rock'n'Roll in Würde zu altern, ist zur finalen Herausforderung geworden. Phil Collins beherrscht diese Kunst. „Take A Look At Me Now“ nennt er eine Retrospektive seiner Soloalben.

Christian Schröder
Foto: WEA

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde. Heute fängt er mit einer Mutprobe an. Denn der Mensch, der einem aus dem Badezimmerspiegel entgegenblickt, verwandelt sich jeden Morgen mehr und mehr in einen Fremden. Der Spiegel kennt keine Gnade, er registriert die Spuren jeder Ausschweifung, ähnlich wie das Gemälde aus Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Grey“, das anstelle seines Besitzers altert. Und unter den Schichten von Haut und Fett ist schon der Totenkopf zu spüren, das Letzte, das einmal von uns bleiben wird. „One day you’re going to have to face / A deep dark truthful mirror“, singt Elvis Costello in seiner gleichnamigen Blue-Eyed-Soul-Hymne. Der Spiegel ist die Wahrheit, und sie lautet: Das Leben hat keinen Notausgang.

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Jung zu sein bedeutete im Rock’n’Roll lange Zeit, auf der richtigen Seite zu sein. The Who gaben die Parole „I hope I die before I get old“ aus, allerdings sind Pete Townshend und Roger Daltrey, die Überlebenden der Band, inzwischen über 70. Auch wenn die ewig tourenden Altstars tapfer an den Routinen ihrer Exzesse festhalten, bleibt von den einstigen Idealen nicht mehr viel übrig außer Sex and Drugs & Rollatoren. Doch ewig muss die Show weitergehen, auch weil in den fetten Jahren oft nicht genug in die Rentenkasse eingezahlt wurde. „What can a poor boy do / Except to sing for a Rock’n’Roll- Band ?“, fragten bereits 1968 die Rolling Stones, die gerade von der Website „Geek shizzle“ zur „Oldest Rock Band Still Performing“ gekürt wurden, vor The Moody Blues, ZZ Top und Golden Earring. In einer in die Jahre gekommenen Jugendkultur in Würde zu altern, ist zur finalen Herausforderung geworden.

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Einer, der diese Kunst beherrscht, ist Phil Collins. Unter der Überschrift „Take A Look At Me Now“ veröffentlicht er eine Retrospektive seiner acht Soloalben aus den Jahren 1981 bis 2010. Vier Platten, erweitert um Demos, B-Versionen und Livemitschnitte, sind bereits erschienen, jetzt kommen „No Jacket Required“ und „Testify“ heraus. Die Cover zeigen dieselben Close-up-Porträts wie damals, erst beim zweiten Hinsehen wird man stutzig. Collins, mittlerweile 65, hat die Originalfotos gegen aktuelle Aufnahmen austauschen lassen. Seine Plattenfirma war dagegen, sie fürchtete um die Verkaufszahlen.

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Finden Sie die zehn Unterschiede. Bei „Face Value“ haben sich neben den Augen des Sängers tiefe Krähenfüße eingegraben. Auf „Both Sides“ erscheint er erschreckend hohlwangig. In der Profilansicht von „Hello, I Must Be Going!“ offenbart sich eine Hakennase. Selbst die einbeinige Tanzfigur von „Dance Into The Light“ hat Collins – kein Photoshopping! – getreulich nachgestellt, obwohl er wegen einer Nervenerkrankung zeitweilig nicht mehr trommeln konnte. „Es ist ein bisschen angsteinflößend, wenn man die früheren Fotos mit denen von heute vergleicht. Das ist nun mal die ungeschönte Wahrheit, so sehe ich heute aus“, sagt er in einem Interview. Phil Collins war lange Zeit Alkoholiker, das Leben hat Spuren hinterlassen auf ihm. Sein Gesicht ist ein Spiegel, in dem der Zuschauer auch sich selbst erkennen kann.

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