Kultur : Philharmonie: Beethoven for Bombay

Martin Wilkening

Wie Menschen, die zwischen 160 und 500 Mark für ihre Konzertkarte bezahlt haben, sahen in der Philharmonie am späten Donnerstagnachmittag eigentlich nur wenige aus. Und so war bei dem vergleichsweise kurzfristig anberaumten und knapp vor den Abendtermin des Philharmonischen Orchesters platzierten Benefizkonzert der Staatskapelle wohl eine Art doppelte Wohltätigkeit am Werk: einerseits die der Spender, die zu Gunsten der Erdbebenopfer im fernen Indien großzügig in die Tasche griffen; andererseits die der Veranstalter, die, um der frustrierenden Stimmung eines halbleeren Saales vorzubeugen, den größeren Teil der Karten zu anderen, günstigeren Konditionen unter die Leute brachten.

Die Staatskapelle selbst hatte - ebenso wie Daniel Barenboim und Zubin Mehta, der aus Bombay gebürtige Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper - auf eine Gage verzichtet, die Philharmonie stand mietfrei zur Verfügung. 150 000 Mark erbrachte so neben der diplomatischen Aufmerksamkeit das wohltätige Musizieren, eine Summe, die den "Ärzten ohne Grenzen" für ihre Arbeit im indischen Erdbebengebiet zur Verfügung gestellt werden soll.

Nach dem geeigneten musikalischen Repertoire für solche Anlässe braucht man im Repertoire der Staatskapelle nicht lange zu suchen, das Naheliegendste schien hier, wie so oft, zugleich das Beste zu sein. An die hundertmal, so Daniel Barenboim, habe er Beethovens drittes Klavierkonzert nun schon zusammen mit Zubin Mehta gespielt, und auch mit der Staatskapelle dürfte sich die Aufführungszahl längst im zweistelligen Bereich bewegen. Kein Grund für die Musiker, nicht zu zeigen, was sie können. Gerade wenn man an den letzten Beethoven-Zyklus im akustisch so unzulänglichen Konzerthaus denkt, wird der Berliner Musikfreund diesen Auftritt in der Philharmonie durchaus als Bereicherung zu schätzen wissen.

Zu grundsätzlichen Gedanken über die sämig-samtige Beethovenpflege Unter den Linden bietet solch ein Konzert natürlich keinen Anlass. Rühmen wir also die zahlreichen, wunderschönen Piano-Momente im Dialog zwischen Klavier und Orchester, rühmen wir die von Barenboim kostbar hingetupften Klanggesten, welche müheloser denn je den Anschein eines außergewöhnlichen Ereignisses suggerierten.

Die "Eroica" danach musste wohl sein - und es war gewiss bewundernswert, mit welch klanglicher Kompaktheit und rhythmischer Präzision die Staatskapelle unter Zubin Mehta dieses prominente Stück mehr oder weniger aus dem Stand hinzulegen vermochte. Der Ausdruck aber blieb gebannt in die Grenzen des Gepflegten, ja wirkte ausgerechnet im Trauermarsch geradezu oberflächlich: ohne jegliche schmerzhafte Reibung an den Mittel- und Unterstimmen. Auch der Schlussteil blieb von der Ungeheuerlichkeit dieser zerbrechenden Klangrede gänzlich unberührt. Dem guten Zweck insgesamt jedoch tat dies keinerlei Abbruch.

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