Philharmonie : Blutsonntag

Metzmacher dirigiert Schostakowitschs 11. Sinfonie "Das Jahr 1905".

Christiane Peitz

Das Andante von Beethovens 4. Klavierkonzert nimmt den Kontrast vorweg. Hier der Solist mit verzagter, gebrechlicher Stimme, dort das Unisono der Streicher, das den Einzelgänger streng zur Raison ruft und ihm bedeutet, wo es lang geht. Nelson Freires uninspiriertes Klavierspiel passt plötzlich vorzüglich, intoniert der brasilianische Pianist doch die Ohnmacht des Schwächeren angesichts eines uniformen Tutti-Apparats. En miniature arbeitet Ingo Metzmacher am Pult heraus, was das Programm des DSO-Abends in der Philharmonie als Ganzes verspricht: die Spannung zwischen der Poesie des Klavierkonzerts und dem Kriegslärm von Schostakowitschs 11. Sinfonie.

Komponiert wurde sie 1957, nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands; ihr Titel "Das Jahr 1905“ spielt auf den Petersburger Blutsonntag an, als das Militär die Arbeiterproteste gegen den Zaren grausam beendete. Die Elfte wird selten gespielt, ein Monumentalwerk, das die Übermannung des Klangs durch den Krach ins Ungeheuerliche steigert. Beim Musikfest im September steht es wieder auf dem Programm – wie überhaupt dessen Schostakowitsch-Schwerpunkt etliche Entdeckungen verspricht.

Es beginnt mit irisierenden Klangflächen, Metzmacher betont weniger deren Eisesstarre als deren stoffliche Natur. Ein unermessliches Leichentuch, in das populäre Freiheits- und Revolutionslieder eingewoben sind. Die Holzbläser tragen trauerumflorte Gesänge vor, vergeblich. Immer wieder zerschmettert der Malstrom des Schlagwerks jegliche Klage, der rasante Gleichschritt verzerrt die Apotheosen zur Kriegsfratze.

Eine Studie über die Gewalt (im Eifer des Gefechts wird sogar ein Becken zerfetzt): Metzmachers ebenso beseeltes wie analytisches Dirigat macht daraus ein Ereignis – was dem DSO-Chef derzeit bei allen Konzerten gelingt, ob bei der Reihe "Aufbruch 1909“, bei Beethoven oder Humperdinck. Der euphorische Applaus besagt auch das: Metzmacher bleibt der derzeit Aufregendste, Anregendste unter den Berliner Maestri. So versteht sich der Jubel auch als Protest gegen die Nachricht, dass er seinen Vertrag nicht verlängert und 2011 geht. Auch wenn unübersehbar bleibt, dass Dirigent und Orchester die Rituale der Verbeugung nach ihrem innigen Zusammenspiel höflich-kühl absolvieren. Christiane Peitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben