Kultur : Philharmonie: Das Röcheln in der Todesschlacht

Frederik Hanssen

Nein, ganz wollte sich Peter Tschaikowsky dann doch nicht auf Friedrich Schiller verlassen. Dessen Drama über Johanna von Orléans eigne sich durchaus für eine grand opéra im französischen Monumentalstil, fand er - bis auf den Schluss. Bei dem deutschen Dichter findet die kriegerische junge Frau den Tod auf dem Schlachtfeld; für seine Oper aber wollte Tschaikowsky einen knalligeren Showdown: ein Liebesduett seiner Heldin mit ihrem Geliebten - einem doppelten Überläufer zwischen den Fronten! -, in dessen Verlauf der wankelmütige Bariton von den feindlichen Engländern dahingerafft wird. Und dann eine Apotheose der gefallenen Jungfrau - so richtig schön mit Engels-Chören aus dem Off. Keinen Trick aus der Zauberkiste des Musiktheaters hat Tschaikowsky 1879 bei diesem Opus ausgelassen - und auch Manfred Fabricius geht bei der Aufführung der Oper mit Chor und Sinfonieorchester des Collegium Musicum von TU und FU in der Philharmonie in die Vollen. Vom Dirigenten und seinem Assistenten Stefan Vanselow bestens vorbereitet, trifft der akademische Nachwuchs den Gestus dieser Musik genau.

Wenn auch mal die eine oder andere Instrumentengruppe schwächelt, diese Aufführung hat Biss und macht ordentlich Effekt. Zusammen mit der aufwändigen Lichtregie und prägnanten Zwischentexten von Irene Kleschke wird aus der konzertanten Oper so ein Musiktheaterabend, der spannender war ist vieles, was derzeit szenisch über die Bühnen der Hauptstadt geht.

Der Titelheldin leiht Kristiina Mäkimattila ihren lichtvollen, klug geführten Mezzosopran - und wird dafür vom begeisterten Publikum zu Recht bejubelt. Bei den Männern fallen vor allem die tiefen Stimmen auf: Manuel Wienicke beeindruckt als Erzbischof mit üppigem, frei strömendem Bariton, Sören Jäckel sorgt als Johannas Lover Lionel für die romantischen Töne, und schließlich punktet Jonathan dela Paz Zaens als ihr Vater mit suggestiver, operndramatischer Gestaltungskraft.

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