Philharmonie : Haitink und das Chicago Symphony Orchestra

Beim Musikfest demonstriert der mittlerweile 80-jährige Dirigent Bernard Haitink noch einmal, dass der Verzicht auf den biografischen Kontext keineswegs mit einem Verlust an musikalischer Dringlichkeit erkauft werden muss.

Jörg Königsdorf

Bernard Haitink darf sich bestätigt fühlen. Der niederländische Dirigent war ein Außenseiter, als er in den siebziger Jahren mit seiner Gesamtaufnahme der Schostakowitsch-Sinfonien sich mehr an ihrer klassischen Struktur als an ihrem historischen Umfeld orientierte. Heute ist dieses objektivierende Schostakowitsch-Bild fast interpretatorischer Mainstream. Beim Musikfest demonstriert der mittlerweile 80-jährige Haitink noch einmal, dass der Verzicht auf den biografischen Kontext keineswegs mit einem Verlust an musikalischer Dringlichkeit erkauft werden muss.

Seine Sicht der 1972 uraufgeführten 15. hat in der Philharmonie weder mit der Erstarrung der Breschnew-Ära noch mit der schweren Krankheit des Komponisten zu tun, ist aber ebenso eindringlich. Die sinfonische Tradition selbst ist es, deren Zerfall Haitink in dieser letzten Schostakowitsch-Sinfonie nachzeichnet. Das Motiv aus Rossinis „Wilhelm Tell“ ist bei ihm kein spöttischer Seitenhieb auf die Stechschritt-Paraden der Roten Armee, sondern ein Versatzstück des klassischen Erbes, das im entkernten Bau des Kopfsatzes weder Halt noch Nachhall findet. So dicht wie in einer Beethoven-Sinfonie hält Haitink die Instrumentengruppen seines blendend disponierten Chicago Symphony Orchestra zusammen, bewahrt bis zum letzten Ton klaren Blick und Präsenz – nicht die Seele des Komponisten entschwindet hier unter den lichten Tönen von Triangel und Celesta ins Nirwana, sondern der mechanische Klang entseelter Instrumente macht der sinfonischen Welt der Romantik den Garaus. Dieser Erkenntnisgewinn ist umso überraschender, als die erste Hälfte des Programms noch gründlich danebengegangen war. Mozarts „Jupiter“-Sinfonie bekommt Haitinks sachliche Lesart jedenfalls schlecht – mit behäbigen Tempi und ohne Leidenschaft klingt das Stück erschreckend verstaubt. Es ist eben nicht immer die beste Lösung, einen Komponisten zum Klassiker zu machen.

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