Philharmonie : Murray Perahia: Himmlische Heerscharen

Murray Perahia gibt in der Philharmonie einen fulminanten Klavierabend. Das Geheimnis um seinen Anschlag, seinen immer singenden, Sinn und Sinne betörenden, ja becircenden Ton bleibt - glücklicherweise - ungelöst.

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Der Denker. Murray Perahia hat gerade eine Brahms-CD veröffentlicht.
Der Denker. Murray Perahia hat gerade eine Brahms-CD veröffentlicht.Foto: Felix Broede

Einatmen, ausatmen, den Tag und die wilde Welt abstreifen, zur Ruhe finden. Langsam wird das Licht in der Philharmonie dunkel, ein Kegel, fahler als sonst, schwebt wie ein Zuckerhut über dem Flügel. Der Steinway als Kraftwerk. Energisch, trotzig, majestätisch, sehr schwarz.

Und dann eilt, auf leisen Sohlen, Murray Perahia herbei, fast duckt er sich unterm aufbrandenden Applaus, und mit dem Zuckerhut hat er auch seine Mühe. Das Stehen im Licht behagt ihm nicht, die Verweildauer wird aufs Nötigste beschränkt, und Verbeugen kann man das sanfte Oberkörpernicken des 64-Jährigen kaum nennen. Überhaupt: ein knapper Abend, nach 100 Minuten und einer einzigen Zugabe (Schuberts Es-Dur Impromptu op. 90,2) ist der Bach- Beethoven-Brahms-Schumann-Chopin- Traum schon wieder ausgeträumt. Und das Publikum, das sich mehr erhofft hat, geht still und erleuchtet seiner Wege. Manchmal ist es gut, hungrig zu bleiben.

Das Geheimnis um Perahias Anschlag, seinen immer singenden, Sinn und Sinne betörenden, ja becircenden Ton lässt sich ohnehin nicht lösen. Warum klingt ein und dasselbe Instrument unter dem Pianisten X wie ein zahnloses Westernklavier und unter dem Pianisten Y wie der Chor der himmlischen Heerscharen? Finger, die auf Tasten drücken: Ist es die Kraft der Imagination und Fantasie, eine feinstoffliche Energie, ein Urwissen, das die Schwingungen hervorbringt und den einen nur Virtuose werden lässt und den anderen Genie?

Murray Perahia (1947 in New York geboren, geistiger Schüler von Rudolf Serkin, Pablo Casals, Mieczyslaw Horszowski und Vladimir Horowitz) denkt viel, wenn er spielt. Und zieht sich doch niemals in die Philosophen-Höhle zurück, sondern bleibt Musiker, Musikant, unter uns. Perahia denkt, um zu vergessen, aus dieser Dialektik entspringt die ungeheure Dichte seiner Kunst, ja so etwas wie „reale Gegenwart“ (George Steiner): Wenn er mit dem ersten Intermezzo aus Brahms’ op. 119 Takt für Takt zu verwachsen scheint und das schwerblütige Ringen um Sangbares existenziell nachempfindet; wenn er Chopins Mazurka op. 30,4 in der abenteuerlichen Tonart cis-Moll ganz subversiv seziert, während sich im Vordergrund der Drang nach Freiheit, nach Loslösung Bahn bricht – und sei es die Freiheit zu Krankheit und Tode hin. So tief hat selten jemand dem Franzosen in sein galliges schwarzes Herz geschaut.

Bachs fünfte Französische Suite zu Beginn trägt bei Perahia keinerlei rhetorische Rokokoschößchen und bleibt gleichwohl nichts an Durchsichtigkeit schuldig. Eine Sarabande in den Farben eines Turner-Gemäldes, eine Loure, in der sich die Klanggewichte so verkeilen, als hätte das 18. Jahrhundert die musikalische Dekonstruktion erfunden. Man mag dieses Bach-Spiel subjektiv nennen oder romantisierend; indem Perahia seiner inneren Stimme folgt und nicht, wie es ästhetisch wohl korrekt(er) wäre, die aufführungspraktischen Hacken zusammenschlägt, erhebt sich die Musik mit Phönix-Schwingen über solche irdischen Diskurse.

Ähnliches gilt für Beethoven, seine e- Moll Sonate op. 90 (deren zweitem Satz Hugo Wolf einst in der Irrenanstalt gehuldigt haben soll, als letzte einzige Musik). Perahia hat ein erstaunlich viriles Beethoven-Bild, betont das Titanische selbst dieser „kleinen“ Sonate und lässt im zweiten Satz weit weniger das Liedhafte und Versonnene Gestalt annehmen als die Körperlichkeit des klavieristischen Satzes. Der Pianissimo-Schluss, ins Offene getupft, bestürzt dann umso mehr.

Auch Schumanns Kinderszenen op. 15 – und daran zeigt sich die integrale Musikerpersönlichkeit – wenden sich eher an sehr erwachsene Kinder. So rasant der „Hasche-Mann“, so grollend die „Wichtige Begebenheit“, so spielerisch das Erkunden „Von fremden Ländern und Menschen“: Perahia verniedlicht nie. Bleibt immer lyrisches Ich, Dichter, Souverän. Nimmt die berühmte „Träumerei“ mehr als bange Reminiszenz. Und lässt das „Kind im Einschlummern“ Bewusstseinsräume aufschließen, die längst kein Klavierspiel mehr sind: mehr psychedelisches Verrücken, Versinken. Großartig, dabei gewesen zu sein.

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