Philharmonie : Pustekuchen

Rattle und die Philharmoniker mit Wagners „Götterdämmerung“ und Siegfried Matthus

Frederik Hanssen

Am Anfang geht es back to the roots: Seine allerersten Bühnenerfahrungen hat Simon Rattle mit zehn Jahren gemacht, als Schlagzeuger des Merseyside Youth Orchestra in seiner Heimatstadt Liverpool. 44 Jahre später setzt sich der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nun wieder hinter die Pauken – und schlägt die Eröffnungstakte von Siegfried Matthus’ „Konzert für Fünf“. Andreas Blau, Albrecht Meyer, Wenzel Fuchs, Stefan Schweigert und Radek Baborak, allesamt Bläsersolisten des Orchesters, haben sich eine Uraufführung gewünscht. Und der Neutöner Matthus, der Salieri des 20. Jahrhunderts, hat pünktlich geliefert.

Das Quintett windet virtuose Girlanden, dann geben Kontrabässe und E-Bass Jazziges zum Besten, knackiges Blech fällt ein, später zupfen Streicher, die Harfe charmiert, ein Tamburin rasselt, und so weiter, eine heitere halbe Stunde lang. Früher hätten Rundfunktanzorchester so ein Opus gespielt. Eine Assoziation, die die fünf Philharmoniker mit ihrer launigen Tango-Zugabe bestärken.

Was macht der Reiz einer Komposition für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Orchester aus? Zum Beispiel die Möglichkeit, unterschiedliche Charaktere der Instrumente zu zeigen und Klang-Persönlichkeiten zu erschaffen. Siegfried Matthus allerdings hat leider viel mehr Ideen für akustische Gimmicks in der Begleitung als für die Ausgestaltung der Solopartien. Da begnügt er sich mit notenreichem Smalltalk, mit quirligem Allerweltsgeplauder, hübsch, aber belanglos. „Altgewohntes Geräusch raunt meinem Ohr die Ferne“, möchte man mit Richard Wagners Brünnhilde sagen.

Dem Bayreuther Musikdramatiker gehört der zweite Teil des Konzerts. Wahrlich, eine gewagte Kontrastdramaturgie: Auf den Gruß aus der Küche, Matthus’ Pustekuchen, folgen als Hauptspeise Auszüge aus der „Götterdämmerung“. Am 3. Juli werden die Philharmoniker und Rattle im feinen Festival im französischen Aix en Provence ihren „Ring des Nibelungen“ runden. Fürs Berliner Publikum spielen sie jetzt schon einmal die „Morgendämmerung“ und „Siegfrieds Rheinfahrt“, die Waltrauten-Szene, den Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang. Nicht nur der Dirigent, auch die meisten Orchestermitglieder betreten hier Neuland. Zuletzt stand die Tetralogie unter Karajan auf dem Programm, genau zu der Zeit, da little Simon im Jugendensemble trommelte.

Meisterhaft hat Richard Wagner den Sonnenaufgang in Musik gesetzt, berückend schön lassen die Philharmoniker Farbnuance um Farbnuance aufglimmen bis sich der Feuerball über den Berggipfel geschoben hat, als wär’s ein Stück von Debussy. Was für ein Privileg, denkt man, dabei sein zu dürfen, wenn dieses Spitzenorchester die „Götterdämmerung“ entdeckt. Hier sitzt keine erfahrene Operntruppe, die genau weiß, wie das Stück „geht“, hier wird frisch und unverbraucht in die Partitur hineingelauscht. Die Philharmonie als Wagner-Werkstatt.

Doch bald schon keimt Sehnsucht nach wissenden Interpreten auf: Denn Simon Rattle gelingt es nicht, der Musik Atem zu geben, sie zum Blühen, zum Glühen zu bringen. Da fehlt es elementar an Dramatik, da entfaltet die Riesenbesetzung im Trauermarsch statt Wucht nur Phonstärken, da liegen die zarten Passagen wie unter einem Grauschleier.

Als hätten sie die ersten drei „Ring“-Teile nie gespielt, lassen die Musiker die Kommentarfunktion der Leitmotive zum Bühnengeschehen verpuffen. Die wären aber dringend nötig, denn Katarina Dalaymans Brünnhilde wird zum Debakel. Ein paar gellende Spitzentöne, sonst ist da nichts an vokaler Substanz. Ein Heideröslein, das hochdramatisch sein will. Karen Cargill hat zwar wahrlich keine schöne Stimme, doch sie zeigt als Waltraute immerhin interpretatorische Intelligenz.

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