Philharmonie : Tod & Tat

Stephanie zu Guttenberg hat zum Benefizkonzert gerufen – und alle sind gekommen: Enoch zu Guttenberg dirigiert Verdi in der Philharmonie.

Frederik Hanssen

Stephanie zu Guttenberg hat zum Benefizkonzert gerufen – und alle sind gekommen: der Finanzminister, die Familienministerin, der von der Veranstalterin als „Herr Verteidigungsminister, geliebter Karl-Theodor“ vorgestellte Gatte samt zwei wohlerzogenen Töchterlein. Und der gesamte lokale Adel, angeführt von Georg Friedrich Prinz von Preußen. Auch Barbara Schöneberger, frisch verehelicht mit einem Herrn von, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, wird gesichtet, ja selbst Max Raabe, der Sänger der guten alten Zeiten, hat sich in die Philharmonie bemüht.

Im Foyer herrscht eine etwas gackrige „Ach, Sie auch hier!“-Atmosphäre, deren Herüberschwappen in den Saal Stephanie zu Guttenberg aber mit einer engagierten Rede zu unterbinden weiß. Der Kinderpornografie, vor allem im Internet, hat sie den Kampf angesagt, als Präsidentin der Deutschland-Sektion von „Innocence in Danger“ will die 32-Jährige das schreckliche Thema in die öffentliche Debatte holen, mit allen Mitteln. An diesem Sonntag steht ihr der eigene Schwiegervater zur Seite, Enoch zu Guttenberg, der blaublütige Dirigent und heißblütige Freigeist.

Er ist mit seinen beiden Ensembles angereist, der vielköpfigen Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester „Klangverwaltung“. Gemeinsam gelingt ihnen eine bewegende Aufführung von Giuseppe Verdis Requiem, die wie aus dem Nichts beginnt, mit Flüsterworten und einem fein differenzierten Klangbild, bei dem noch die scheinbar unbedeutendste Nebenstimme hörbar bleibt. Nach der Eruption des ersten „Dies Irae“ etabliert Guttenberg dann mit expressiver Gestik eine Atmosphäre emotionaler Dringlichkeit, wählt konsequent straffe Tempi, lässt auch mal theatralische Effekte zu, kurz: findet den idealen Ton für Verdis Blicke in die bedrängte menschliche Seele.

Mit ruhiger Souveränität spendet Mihoko Fujimuras Mezzosopran Trost, weich strömt der Bass von Christian van Horn, den Erzengel gibt Yoseph Kang mit heller, frischer Tenor-Emphase. Allein Sopranistin Susanne Bernhard bleibt zu schüchtern, scheint sich hinter ihrer Lockenpracht verstecken zu wollen – eine verlorene Seele, der an diesem Abend des Mitgefühls keiner helfen kann. Frederik Hanssen

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