• Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann: „Ein sichtbares Zeichen der Solidarität setzen“

Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann : „Ein sichtbares Zeichen der Solidarität setzen“

Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann über das Konzert für Flüchtlinge, die Zukunft des Kulturforums – und seinen Abschied vom Orchester.

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Der Maestro und sein Manager. Rattle mit Martin Hoffmann.
Der Maestro und sein Manager. Rattle mit Martin Hoffmann.Foto: Monika Rittershaus

Herr Hoffmann, am morgigen Dienstag veranstalten die Berliner Philharmoniker zusammen mit dem Konzerthausorchester und der Staatskapelle ein Konzert für Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer. Wer hatte die Idee dazu?

Jeder von uns zu einem Drittel! Als ich die Kollegen anrief, war die spontane Reaktion: Darüber haben wir auch schon nachgedacht, natürlich machen wir mit! Als schwieriger erwies sich, ein Datum zu finden, zu dem alle verfügbar sind. Nun aber können wir in der Philharmonie die Staatskapelle und Daniel Barenboim mit Mozarts D-Moll-Klavierkonzert erleben, das Konzerthausorchester unter Iván Fischer mit der 1. Symphonie von Prokofjew und die Philharmoniker mit Simon Rattle und zwei Sätzen aus Beethovens Siebter.

Im November 1989 gab es schon mal ein Willkommenskonzert in der Philharmonie, für DDR-Bürger. Ein passender symbolischer Akt, war doch die Kultur während der Teilung oft das einzige Bindeglied zwischen den beiden deutschen Staaten.

Zur einer Kultur gehört ja nicht nur Sprache, Kunst und Musik. Das Rechtswesen, die Wirtschaft, die Wissenschaft und vieles mehr definiert Kulturen genauso. Aus dieser Perspektive war die kulturelle Prägung der Bürger aus der DDR und BRD durchaus unterschiedlich. Die Menschen, die wir jetzt einladen, kommen aber sicher aus noch viel unterschiedlicheren Kulturen. Umso wichtiger ist es doch, sie einzuladen unsere Kultur zu entdecken. Und deshalb sagen die drei großen Orchester der Stadt: Herzlich Willkommen! Wir sind davon überzeugt, dass Musik eine Sprache ist, die über sprachliche, kulturelle und politische Barrieren hinaus jeden unmittelbar berühren kann.

Wird dieses Projekt letztlich nicht doch nur eine PR-Aktion bleiben, von der vor allem die Orchestern profitieren, weil sie jede Menge Medienaufmerksamkeit bekommen? Die Flüchtlinge und ihre Helfer gehen danach zurück in die Notunterkünfte und haben dieselben Probleme wie zuvor.

Das denke ich nicht. Natürlich kann man mit einem Konzert die Probleme nicht lösen. Aber es geht auch darum, eine Haltung zu zeigen. Wir würden uns freuen, wenn das Konzert ein sichtbares Zeichen für unsere Solidarität setzt.

Wie können Orchester nachhaltig bei der Integration der Ankommenden mitwirken?

Wir haben zwei langfristig angelegte Projekte initiiert: Unser Education-Programm „Vokalhelden“, bei dem es ums gemeinsame Singen geht, wird künftig auch für Kinder von Flüchtlingsfamilien angeboten. Gerade durch die Arbeit im Chor, die wirklich keine Barrieren kennt, weil man dafür nur die eigene Stimme braucht, lassen sich Verbindungen zwischen Kulturen leicht herstellen. Ergänzt wird diese Initiative durch unser Projekt Lokalhelden. Die Idee ist, dass jeweils ein Musiker oder Mitarbeiter einen Geflüchteten zu Chorproben, zu Generalproben oder Konzerten begleitet.

Bei vielen Orchestern sind die Verträge von Intendanten und Chefdirigenten gekoppelt. Verlässt der Maestro die Stadt, muss auch sein Partner aus dem Management gehen. Wie halten es die Berliner Philharmoniker beim Wechsel von Simon Rattle zu Kyrill Petrenko im Sommer 2018?

Wir haben in unseren Verträgen ein Jahr Differenz, gerade weil es auf beiden Positionen nicht zum gleichen Zeitpunkt einen Wechsel geben soll. Mein Vertrag endet am 31. August 2017 – und ich habe entschieden, dass ich mit dem Orchester nicht in Verhandlungen über eine Verlängerung eintreten will. Die Planungen im Klassikbetrieb reichen ja so weit voraus, dass wir bereits jetzt alle inhaltlichen Fragen bis zum Weggang von Simon Rattle geklärt haben. Meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger werden somit ein Jahr Einarbeitungszeit haben, bevor die Ära Petrenko beginnt.

Was für einen Job kann man noch machen, nachdem man Intendant der Berliner Philharmoniker war?

Eigentlich gar keinen – aber im Ernst: Ich werde dann sieben Jahre hier gewesen sein. Ich kam ja vom Privatfernsehen, der Klassikbetrieb war Neuland für mich. Mich in diese Welt einzufinden, habe ich als ungemein spannend erlebt. Andererseits ist es ja kein Geheimnis, dass die gewachsenen Strukturen in diesem Hause für den Intendanten nicht immer nur einfach sind, Stichwort: Selbstverwaltung des Orchesters. Da kann man als Quereinsteiger nicht gleich den Meister spielen.

Die Philharmoniker regeln vieles gerne unter sich, von der Auswahl der Gäste über die Leitung der Digital Concert Hall und des eigenen Plattenlabels bis hin zur Suche nach dem neuen Chefdirigenten. Oft heißt es darum, der Intendant sei hier eigentlich nur ein „gehobener Hausmeister“.

Diesen Mythos muss man ignorieren und einfach seine Arbeit tun. Die Realität ist, dass die Stiftung Berliner Philharmoniker klare Regeln definiert, wie Entscheidungsfindungen ablaufen. Und innerhalb derer habe ich Gestaltungsmöglichkeiten. Mir ging es vor allem darum, das Haus zu öffnen, die Philharmonie zugänglicher zu machen. Denken Sie an neue Konzertformate, die wir entwickelt haben, „Jazz at Berlin Philharmonic“ zum Beispiel, die Reihe mit Ferdinand von Schirarch, bald starten wir den „philharmonischen Diskurs“. Auch das „Fest am Kulturforum“ war ein Beitrag dazu. Und dann haben wir wichtige kulturpolitische Beiträge leisten können, wie das Projekt „Violins of Hope“, das Konzert anlässlich des 50. Jahrestages der deutsch-israelischen Beziehungen oder unsere Tournee anlässlich des Mauerfall-Jubiläums.

Gerade wird der Parkplatz vor der Philharmonie in eine Grünfläche verwandelt. War nach Jahrzehnten des Stillstands auf dem Kulturforum ausgerechnet jetzt diese Baumaßnahme nötig?

Ich war zunächst entschieden dagegen, weil ich fand, dass hier voreilig Fakten geschaffen werden, bevor eine städtebauliche Gesamtkonzeption für das Kulturforum existiert – die erst dann entstehen kann, wenn klar ist, wie unser neuer Nachbar aussehen wird, das immerhin 14 000 Quadratmeter große Museum der Moderne. Ich habe mir mit dieser Einstellung keine Freunde gemacht. Inzwischen allerdings muss ich sagen: Wenn ich vom Osten her auf die Philharmonie zukomme, gefällt es mir schon, dass die Sichtbarkeit unseres Hauses deutlich erhöht ist. Damit wird erstmals eine echte optische Verbindung zum Potsdamer Platz geschaffen.

Lachender Gewinner der Parkplatzvernichtung ist das Orchester. Der Senat hat als Ausgleich für die Einnahmeausfälle aus den Parkgebühren eine Zuschusserhöhung von jährlich 400 000 Euro beschlossen.

Ganz so ist es nicht. Wir haben seit 13 Jahren keine Erhöhung mehr gehabt, obwohl ja auch für uns die Kosten steigen. Bislang konnten wir das aus eigenen Kräften kompensieren. Wir haben während meiner Amtszeit die Erlöse um fast 30 Prozent gesteigert, die Platzauslastung liegt bei 98 Prozent, der Eigenfinanzierungsgrad bei rekordverdächtigen 64 Prozent. Es handelt sich also um eine strukturelle Anpassung des Zuschusses, nicht um eine Parkplatz-Verlustprämie.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.