Philharmoniker : Porsche mit Tempo 30

Wynton Marsalis bei den Berliner Philharmonikern: Mit enormem Aufwand wird Wohlfühlsound produziert, Rattle koordiniert souverän.

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Noch ohne Trompete. Wynton Marsalis vor seinem Berliner Konzert. Foto: Mike Wolff
Noch ohne Trompete. Wynton Marsalis vor seinem Berliner Konzert. Foto: Mike Wolff

Ganz schön gemein, „Petruschka“ an den Anfang des Abends zu setzen. Strawinskys Ballettmusik ist eine der brillantesten Partituren des sinfonischen Repertoires, ein Tongemälde, das mit 1000 tollen Instrumentationsdetails überrascht; das französische Eleganz mit dem Drive der Neuen Welt und der wirbelnden Energie des Tanzes verbindet, absolut großstädtisch im Gestus trotz des pittoresken Sujets. Darum wirkt es auch 99 Jahre nach der Uraufführung noch aufregend frech und frisch. Vor allem, wenn es so gewitzt, so elektrisierend, so windschnittig dargeboten wird wie am Mittwoch von den Berliner Philharmonikern, mit Emmanuel Pahuds Flöte und Gabor Tarkövis Trompete an der Spitze. Simon Rattle, dem wohl intelligentesten Strawinsky-Interpreten unserer Tage, gelingen grandiose Fortissimi, eruptive Ausbrüche des gesamten Ensembles, die nie massiv oder martialisch wirken, sondern die herrliche Musik in edelmetallisch gleißendes Licht tauchen.

Danach liegt die Latte hoch für Wynton Marsalis. Vor 15 Jahren schon fasste der Trompeter gemeinsam mit Rattle den Plan, ein Stück zu schreiben, in dem sein „Jazz at Lincoln Orchestra“ mit den Berlinern zu einer very big band verschmilzt. Herausgekommen ist eine „Swing Symphony“, die – schlicht Tanzmusik bietet. Und eine Uraufführung, die allen Spaß macht: Marsalis’ Mannen, die mittig auf dem vollen Podium sitzen, den neugierigen Philharmonikern und vor allem dem Publikum im ausverkauften Saal.

Die Geschichte des Genres will das Stück erzählen, flott geht es von New-Orleans-Märschen über Ragtime und Dixieland zum Glenn-Miller-Sound. Die zweite halbe Stunde tritt die „Swing Symphony“ dann allerdings stilistisch auf der Stelle, weil für Marsalis im Jazz gilt, was auch die meisten Hörer für die Klassik reklamieren. Dort, wo die traditionellen Pfade der Tonalität verlassen werden, ist der Weg zu Ende. Mit enormem Aufwand wird also Wohlfühlsound produziert, Rattle koordiniert souverän. Im Dialog mit den Jazzern treten die Schlagzeuger und Blechbläser der Philharmoniker den Beweis an, dass auch sie den Swing haben. Streicher und Holzbläser arbeiten hart, sind aber nur selten zu hören in diesem Luxussound, der mehr nach foie gras klingt als nach Mardi Gras, übermotorisiert wie ein Porsche in der Tempo-30-Zone.

Sorry, aber George Gershwin hat da bereits vor 85 Jahren Innovativeres für sinfonische Besetzung vorgelegt. Um es mit einer alten Swing-Weisheit zu sagen: „It was great fun, but it was just one of those things.“

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