Kultur : Philharmoniker, Rundfunkorchester und Deutsche Oper im Kampf um die Gehälter

Jörg Königsdorf

Vermutlich ist alles ein Missverständnis: Orchestermusiker sind nämlich entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil keine Künstler, sondern hochbezahlte Facharbeiter. Leute, die vor allem darauf achten, dass die Lohntüte stimmt. Daran ist nichts Schlimmes, und Kunst entsteht im Regelfall trotzdem. Nur wenn die Kunst dem Kampf um Gehälter und Tarife zum Opfer fällt, wird dieser Zwiespalt offenbar. Mit Bestürzung, erklärt die Berliner Akademie der Künste anlässlich ihrer Herbst-Mitgliederversammlung, nehme man zur Kenntnis, dass zwei Aufführungen von Schönbergs "Moses und Aron" wegen der Auseinandersetzung um die Medienpauschale des Orchesters ausgefallen seien. Die Akademie betrachte "ein solches Verhalten als schädlich nicht nur für die Deutsche Oper Berlin, sondern auch für das Ansehen der Musikstadt Berlin". Ins gleiche Horn stoßen die im Deutschen Bühnenverein organisierten Intendanten der Deutschen Stadttheater in einem öffentlichen Appell: Nach ihrer Auffassung besäßen auch die Musiker der Deutschen Oper eine "gewisse Friedenspflicht, die die künstlerischen und betrieblichen Belange des Arbeitgebers in austeichendem Maße berücksichtigt".

Doch nicht nur an der Deutschen Oper, auch in anderen Berliner Orchestern geht es zur Zeit mehr um Geld als um Musik: Selbst die Philharmoniker sind nach der Rücktrittsankündigung ihres Intendanten Elmar Weingarten in den Verdacht der Geldgier geraten: Ihr geplanter Auftritt mit der Rockband "Scorpions" hat jetzt den Zorn von Karlheinz Stockhausen erregt: "Eigentlich wollen wir ja, dass diese Kulturorchester das spielen, was anspruchsvoll ist und die höchsten Ansprüche stellt", zürnt Deutschlands bekanntester Komponist.

Mit Konzerten wie dem Scorpions-Auftritt bauen die Philharmoniker freilich nur einer ungewissen Zukunft vor - in England müssen Orchester längst jeden Pop-Auftrag wahrnehmen, um finanziell überleben zu können. Und auch in Berlin ist das öffentlich finanzierte Sinfonieorchester eine bestandsbedrohte Institution. Nach der Auflösung des Ostberliner Rundfunkorchesters in der Nachwendezeit und dem jahrelangen Kampf um den Fortbestand der Berliner Symphoniker scheint jetzt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) das nächste Opfer der Verteilungskämpfe zu werden. Obwohl die Musiker des Ostberliner Orchesters im Gegensatz zu ihren Kollegen an der Deutschen Oper sogar zu Gehaltsverzicht bereit sind. Ihr Chefdirigent, der Spanier Rafael Frühbeck de Burgos, hat jetzt seinen vorzeitigen Abschied zum 31. 10. 2000 verkündet, als Protest gegen die drohende Zusammenschmelzung seines Orchesters. Im Gegensatz zum DSO würde das RSB, so Frühbeck in seinem Kündigungsschreiben, "in absehbarer Zeit zu einem Rumpforchester und letztlich vielleicht zu einem Unterhaltungsorchester degradiert" werden.

Dabei passiert den RSB-Musikern nur, was die Facharbeiter anderer Branchen längst erleben mussten: Dass ihre Unternehmen zuerst unter dem Dach eines großen Konzerns gerettet werden, um dann zum Objekt einer betriebswirtschaftlich sinnvollen Umstrukturierung zu werden. Denn bislang bietet der Konzern ROC, die Rundfunkorchester- und Chöre GmbH, das Produkt Sinfoniekonzert gleich zwei Mal an: Mit dem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) und dem RSB - beides in noch optimierbarer Qualität. Die Entscheidung des heftig kritisierten ROC-Intendanten Dieter Rexroth, das mäßig nachgefragte Produkt Sinfoniekonzert auf einen Anbieter zu reduzieren, scheint so nur vernünftig - auch wenn sich damit die moralisch etwas zwielichtige Situation ergibt, dass diejenigen, die zum Gehaltsverzicht bereit sind, vermutlich wegrationalisiert werden, während die, die mit ihrem Beharren auf tariflichen Zulagen ihren Betrieb in seiner Funktionsfähigkeit gefährden, ihre Arbeitsplätze behalten. Dass bei den eher zufällig parallel laufenden Auseinandersetzungen allerdings die, deren Arbeitsplätze auf der Kippe stehen, aus dem Osten kommen, während die, denen es um Besitzstandswahrung geht, aus dem Westen kommen, ist dabei ein Umstand, der fast schon zu gut ins Vereinigungs-Klischee passt.

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