Philipp Glass' "The Photographer" im Museum für Fotografie : Im Sog der Serie

Eruptionen der Leidenschaft: Das Kammerensemble Neue Musik (KNM) führt „The Photographer“ von Philip Glass im Berliner Museum für Fotografie auf.

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Szenen einer Ehe. Ross Martinson, David Essing, und Annapaola Leso. 
Szenen einer Ehe. Ross Martinson, David Essing, und Annapaola Leso. Foto: Sven Hagolani

Völlig nachvollziebar, dass einer wie Philip Glass ein Stück über Eadweard Muybridge schreiben würde. Der englische Fotograf (1830–1904) gilt als Begründer der Serienfotografie, seine Reihenaufnahmen von Pferden, Hunden, Elefanten und später auch Menschen sind legendär – und die Ähnlichkeiten zur Minimal Music offensichtlich. Hier wie dort: Muster, Phasen, kleinste motivische Zellen, die sich über einen langen Zeitraum hinweg immer wieder verändern. „The Photographer“ heißt die Kammeroper, die Glass 1982 mit dem Theatermacher Rob Malasch für das Holland Festival schrieb. Das 60-minütige Werk bildet in seiner Struktur selbst ab, was es erzählt: die drei Blöcke Schauspiel, Konzert und Tanz werden nicht simultan, sondern nacheinander präsentiert. Wie in einer fotografischen Reihenaufnahme.

Jetzt führen das Kammerensemble Neue Musik (KNM) und der Regisseur und Choreograf Shang-Chi Sun „The Photographer“ in Berlin auf – sinnigerweise im Museum für Fotografie am Bahnhof Zoo, wo sich hübsche Interferenzen bilden zwischen Muybridge und dem Hausheiligen Helmut Newton. Drei Darsteller/Tänzer, David Essing, Ross Martinson und Annapaola Leso, spielen Szenen einer Ehe. Muybridge wurde nicht nur wegen der Sache mit dem Pferd bekannt – er erbrachte den im angelsächsischen Raum im 19. Jahrhundert innig ersehnten optischen Nachweis, dass sich bei einem galoppierenden Pferd zeitweise alle vier Hufe in der Luft befinden. Er schrieb auch Rechtsgeschichte, weil er 1875 den Liebhaber seiner Frau ermordete – und dafür freigesprochen wurde, der letzte Freispruch für ein derartiges Verbrechen in Kalifornien. 

Eruption der Leidenschaft

Gewaltig, donnernd mitunter wegen der elektronischen Vollverkabelung dröhnend, so klingt das, was das KNM (Leitung: Manuel Nawri) aus Glass’ hypnotischer Partitur vor allem im zweiten Teil herausholt, während die schwarz-weißen Reihenaufnahmen von Muybridge in Endlosschleife über die Leinwand flackern. Der Abend kulminiert im dritten Teil. Da lässt Sun die Tänzer langsam schreiten, mit geradem Oberkörper, wie die Modelle aus den Muybridge-Aufnahmen.

Dann wird die Choreografie bewegter, härter, dramatischer. Eine Frau zwischen zwei Männern, Eruptionen der Leidenschaft, Gefühlsstürme, in denen die Körper fast zerbrechen. Vor allem Ross Martinson, der immer wieder die Figur von Muybridge verkörpert, wischt und schlängelt übers Parkett, als könne er seine Glieder ausklinken und macht das Kauzige seines Charakters, die zahlreichen Ticks des Fotografen, sinnlich erfahrbar. Die Inszenierung – eine Studie in Bewegung. Nach den Pionierarbeiten von Muybridge war es nur noch ein kleiner Schritt hin zum Film.

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