Kultur : Philosophen, Bankiers, Paradiesvögel

Die Jüdischen Kulturtage ehren die Mendelssohns

Jens Hinrichsen

Was für eine Familie! Ehrfurcht gebietet schon der Stammbaum. Ganz oben Moses Mendelssohn, Stammvater und Philosoph – von Kant geschätzt, von Lessing geliebt. Nicht minder berühmt sein Enkel Felix Mendelssohn Bartholdy. Um den großen Komponisten herum zweigen einflussreiche Künstler ab, Theaterleute, Bankiers, Mathematiker, Chemiker.

Vom 14. bis 29. November 2004 stehen sie in Berlin alle im Rampenlicht. Denn es wird Zeit, dass sich die Jüdischen Kulturtage Berlin, die ins achtzehnte Jahr gehen, dieser großen Sippe einmal wieder widmen, zumal mehrere runde Jahrestage zu feiern sind: Den Geburtstag Moses Mendelssohns vor 275 Jahren – das Datum ist unter Forschern allerdings umstritten – die Gründung des Berliner Bankhauses Mendelssohn vor 200 Jahren sowie Felix Mendelssohn-Bartholdys denkwürdige Wiederaufführung der Matthäus-Passion in der Musikakademie, die vor 175 Jahren die Bach-Renaissance einleitete.

Eröffnet werden die Wochen für „Mendelssohn & Company“ mit einem Konzert von Steven Isserlis in der Synagoge Rykestraße, und nach über 30 Veranstaltungen mit Musik, Literatur, Theater und Film geht das Festival mit einer „Langen Nacht der Mendelssohns“ im „TIPI“ am Kanzleramt zuende. Übrigens stand an dieser Stelle einst eine Stadtvilla der Mendelssohns, an anderen Orten in Berlin erinnern noch existierende Firmen- und Wohnhäuser, Villen und Gärten an den Glanz des Hauses Mendelssohn. Am 21. November gehen zwei Bustouren auf Spurensuche.

Auch die schwarzen Schafe und Exzentriker werden nicht unterschlagen. Die Bankierskinder und „Paradiesvögel“ Eleonora und Francesco Mendelssohn emigrierten in den Dreißigerjahren nach Amerika und endeten in der Psychiatrie (Francesco) und im Selbstmord (Eleonora). Beide waren mit dem Theater verbunden – eine szenische Lesung am Berliner Ensemble (21. November) soll an sie erinnern. Auch diese Veranstaltung wird die Frage nach „jüdischer Identität“ zwischen Tradition und Assimilation stellen, das übergreifende Thema der gesamten Kulturtage. Insofern lässt sich der Titel einer Filmreihe im Arsenal-Kino „Was macht einen Film jüdisch?“ als programmatisch lesen.

Informationen und Programm unter www.juedische-kulturtage.org

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