Philosophie : Das Denken selbst

Der Suhrkamp Verlag veröffentlicht Theodor W. Adornos Vorlesungen zur Ästhetik und Dialektik. Eine Ausstellung untersucht das Wirken des großen Philosophen in Berlin.

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Frische Luft. Adorno in der Akademie der Künste, 1965.
Frische Luft. Adorno in der Akademie der Künste, 1965.Foto: K.-H. Schubert/Landesarchiv Berlin

Im Herbst 1958 gibt Theodor W. Adorno seinen Frankfurter Studenten anhand eines Gedichts von Verlaine aus dem Jahr 1880 zu bedenken, dass „überhaupt bereits die Wahrnehmung des Schönen, etwa des Meers oder der Luft, gar nicht denkbar wäre ohne die gleichzeitige ästhetische Erfahrung des Impressionismus“, so dass „also unsere Erfahrung von den Naturgegenständen selber eigentlich der Reflex unserer ästhetischen Erfahrung ist“.

Aber diese ästhetische Erfahrung ist stets geschichtlich vermittelt. So kann Adorno 14 Jahre nach Kriegsende hinzufügen, „dass etwas angesichts der Zerstörungen der zerbombten Städte einfach so etwas wie Ordnung, ein geordneter Garten, ein Haus, das noch steht, hundert Dinge, die uns vorher in der intakten bürgerlichen Welt alles andere als schön gedünkt haben, dann plötzlich eine bestimmte Qualität von Schönheit angenommen haben, die nur in ihrem Stellenwert gegenüber der Zerstörung bestanden hat“.

Die „Zerstörung“ und die „intakte bürgerliche Welt“ muss man bei Adorno (1903-1969) zusammendenken und die Katastrophe des 20. Jahrhunderts als das Urerlebnis verstehen, das sein reifes Denken bestimmte. Untergründig schwingt diese Erfahrung – bei Adorno, dem kalifornischen Exilanten, durchaus eine Erfahrung zweiter Hand – immer mit und verleiht den Sätzen zur Ästhetik aus dem Wintersemester 1958/59 eine bisweilen blitzartig hervorbrechende Aktualität.

In der Ästhetik kommt man Adorno am nächsten, und nicht zufällig hat er sich in jungen Jahren lange Zeit nicht zwischen einem Leben als Philosoph und einem als Musiker entscheiden können. Die Musik, diese schwierigste, weil am stärksten der Begrifflichkeit entbehrende Kunst, wird ihm selbst immer wieder zum Gegenstand der Reflexion. Schiere Melancholie spricht aus den Sätzen am Ende der Vorlesung am 8. Januar 1959, wenn er feststellt, „einem im radikalen Sinne amusischen Menschen nun etwa begreiflich zu machen, was ein Kunstwerk soll, was es bedeutet, was es ist (...), das ist etwas vollkommen Hoffnungsloses“. Aber das gilt letztlich nicht nur für Musik: „Eigentlich hat jede Kunst (...) ein Moment der Ratlosigkeit und der Hilflosigkeit, das dann auf den sich überträgt, der sie betrachtet.“

Die „Ästhetische Theorie“, die 1970 bereits postum herausgegeben werden musste, gilt als Hauptwerk Adornos; zumindest ist sie das Herzstück seiner Philosophie. In den Vorlesungen zur Ästhetik ist das, begrifflich leichter fassbar als im ausgeführten Buch, zu erspüren. Sie sind ein Musterbeispiel dialektischen Denkens; etwas, das Adorno in seiner „Einführung in die Dialektik“ im vorangehenden Sommersemester 1958 sowohl historisch herleitet als auch selbst vorführt.

Dialektik ist das Denken selbst. Unter den auf 17 Bände angelegten Vorlesungsmitschriften, die der Suhrkamp Verlag nach und nach veröffentlicht, finden sich aus dem Sommersemester 1960 die Vorlesungen zu Philosophie und Soziologie, in denen Adorno seinen Studenten geradezu einbimst, was der „Sinn“ von Dialektik sei: nämlich „dass Sie mit aller Erfahrung und aller Energie, die Ihnen überhaupt verfügbar ist, in die Phänomene selber sich versenken“ und „dass Sie dabei ebenso sehr sich von den Phänomenen lenken lassen, wie Sie umgekehrt die Phänomene an jenem theoretischen Material messen, das Ihnen bereits gegeben ist“. Diese beiden Momente müssten „in einem solchen offenen, ungedeckten Prozess sich gegenseitig aneinander abarbeiten und modifizieren, ohne dass das eine dem anderen gegenüber verdinglicht und selbständig würde“. Dass solche Vorlesungen im heutigen Universitätsbetrieb undenkbar wären, bedarf kaum der Erwähnung.

Die fünfziger Jahre liegen zeitlich vor der Etablierung des universitären Massenbetriebs, wie denn die Studentenrevolte als erster Reflex darauf zu verstehen ist. Aber die viel geschmähten Fünfziger waren eben auch eine Zeit intensiver intellektueller Debatten in der jungen Bundesrepublik, die keineswegs derart unter der Käseglocke Adenauer’scher Restauration steckte, wie es die 68er behaupteten. Freilich waren die Debatten auf engere Kreise beschränkt. Umso mehr suchte gerade Adorno die Öffentlichkeit, die er in seinen Radiobeiträgen – und den vom Radio übertragenen Reden etwa in Darmstadt – denn auch fand.

Er fand sie auch in der West-Berliner Akademie der Künste, die 1960 ihren Neubau am Hanseatenweg bezog. Seit 1957 kam Adorno immer wieder nach Berlin. Dazu hat die Akademie jetzt eine Archivausstellung im neuen Stammhaus am Pariser Platz eingerichtet. In Berlin, so schrieb Adorno 1957 an den Akademie-Präsidenten Hans Scharoun, erfahre er „ein Maß an Anregung und, im wörtlichen und bildlichen Sinne, frischer Luft, wie ich es schon lange nicht mehr kannte“. Man wird ein solches Zeugnis heranzuziehen haben, wenn es gilt, ein Urteil über die späten fünfziger Jahre zu fällen. Es war eine Zeit, in der die einst „intakte bürgerliche Welt“ eine neue Qualität angenommen hatte, die sich – um Adorno zu paraphrasieren – „nur in ihrem Stellenwert gegenüber der Zerstörung“ bemaß.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 6. Mai. – Th. W. Adorno: Nachgelassene Schriften. Vorlesungen. Bd. 2: „Dialektik“, 439 S., 43, 90 €. Bd. 3: „Ästhetik“. 522 S., 43,80€. Bd. 6: „Philosophie und Soziologie“. 459 S., 46, 90 €. Suhrkamp, Berlin.

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