Philosophie : Der lachende Hiob

Wiederentdeckt: Der Berliner Philosoph Salomo Friedlaender alias Mynona und seine legendären Grotesken.

Peter von Becker
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Philosophischer Schabernack. Deckblatt für Mynonas Grotesken-Sammlung „Das widerspenstige Brautbett“ aus dem Jahr 1921, gezeichnet...

Eines Sommertages wird der bejahrte Schauspielkünstler Giselher Nesselgrün plötzlich von einer so sentimentalischen Freude ergriffen, dass es ihm ganz weihnachtlich ums Herz wird. Und obschon erst August ist, kauft er sich ein Tannenbäumchen, zündet am Abend die Kerzen an, veranstaltet ein kleines Feuerwerk und beschallt seine Nachbarschaft aus dem Plattenspieler mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ und weiteren Weihnachtschorälen. Nach Schock, Erwachsenenprotesten und entzücktem Kindergeschrei beginnt sich auch die Nachbarschaft zu amüsieren und Bäume zu schmücken.

Nesselgrün ruft aus, es sei doch ein Fehler der Natur, „die Feste nur zu feiern, wie sie fallen“, das müsse die Theaterkunst des Lebens jetzt korrigieren. Und als immer mehr Leute diesen Sommernachtstraum eines Weihnachtsmärchens träumen, meint der Schauspieler Nesselgrün: „Wäre die Regie noch besser gewesen“, dann hätte es an diesem Augustabend draußen gewiss auch geschneit.

Seine Geschichte hatte der Autor bewusst in die Zukunft datiert, ins Jahr 1910, doch tatsächlich erschien „Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün“ vor genau hundert Jahren im Dezember 1909 in der von Herwarth Walden in Berlin herausgegebenen illustrieren Halbmonatszeitschrift „Das Theater“. Der Autor des kleinen Christfestzaubers, der die Idee von Heinrich Bölls berühmter Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ schon 40 Jahre früher vorwegnimmt, war Salomo Friedlaender: ein junger jüdischer Doktor der Philosophie, wohnhaft in Berlin-Halensee, der seine humoristischen Texte „Grotesken“ nannte und sich selbst als Verfasser von der„Nesselgrün“-Geschichte an: Mynona. Das ist die Umkehrung des Worts „anonym“.

Fast namenlos ist er dem größeren Publikum bis heute geblieben, dieser 1933 aus Deutschland nach Frankreich geflohene, dem Holocaust in Verstecken entgangene und mit 75 Jahren in Paris 1946 völlig verarmt gestorbene Herr Friedlaender/Mynona. Dabei war er einst bekannt und dank seiner genialischen Exzentrik auch berüchtigt genug, dass Künstler wie Alfred Kubin, Hans Bellmer und George Grosz seine Grotesken in Zeitschriften und Büchern illustrierten; dass ihn Kafka las und der superkritische Karl Kraus die nunmehr in Waldens prominenter Expressionistenzeitschrift „Der Sturm“ erschienenen Mynona-Grotesken lobte. Zudem empfahl der einflussreiche Philosoph und Soziologe Georg Simmel Friedlaenders Nietzsche-Biographie – nicht ohne anzumerken, dass dem Autor etwas mehr „Exoterik“ statt „Esoterik“ gut täte.

Auch Walter Benjamin, Gershom Scholem und der junge Adorno ließen sich durch F/M philosophisch anregen. Aber der Neukantianer Friedlaender und der personenidentische Spätromantiker Mynona blieben trotz zahlreicher verstreuter Veröffentlichungen und eines wachsenden Werks zeitlebens ein doppelter Außenseiter. Ein prominentes Gerücht.

Heute existiert nun eine auf sagenhafte 30 Bände angelegte, im kommenden Januar bei Nummer zehn angelangte historisch-kritische F/M-Gesamtausgabe. Zuletzt versammelten die Bände sieben und acht die meisten der rund 300 Grotesken Mynonas, und soeben ist als neunter Streich der von Friedlaender zuerst 1910/11 bei Göschen in Leipzig publizierte „Friedrich Nietzsche“ (Untertitel: „Eine intellektuale Biographie“) erschienen. Im Januar folgt die 600 Seiten starke „Schöpferische Indifferenz“ als Opus 10.

Alle diese Bände sind von den beiden Herausgebern, dem Schriftsteller, Musiker und Universalkunstgelehrten Hartmut Geerken und dem Philosophen Detlef Thiel, mit ausführlichen Kommentaren und beeindruckendem Apparat nebst hübschen kulturhistorischen Illustrationen versehen. Sie erscheinen durchweg sorgfältig gebunden und gedruckt, jedoch nur auf Bestellung (durch jede Buchhandlung oder via Internet) innerhalb der Edition „Waitawhile“ bei Books on demand. Und das ist eine ganz eigene, wiederum zum spukhaften Friedlaender/Mynona passende Geschichte.

Hartmut Geerken, in diesem Jahr 70 geworden und als eigenwilliger Poet wie als Jazzkomponist und Musiker etwa bei Konzerten Sun Ras von Aficionados geschätzt, ist ein hünenhafter Kunstberserker, ein wilder Entdecker. Als Mann des Goethe-Instituts hat Geerken einst in Kairo Avantgardetheater gespielt, und in Kabul, wo er in den von Flower Power statt Taliban-Terror bestimmten siebziger Jahren arbeitete, wurden von ihm „Indo-afghanisch- europäische Musikwochen“ organisiert. Er ist Mitherausgeber der Reihe „Frühe Texte der Moderne“ beim Verlag Text + Kritik, und bereits 1960 bekam er durch eine schon legendäre Marbacher Expressionismus-Ausstellung einen ersten Hinweis auf jenen verschollenen Januskopf Friedlaender/Mynona.

Später lernte er in Paris Friedlaenders Witwe und den Sohn Heinz Ludwig kennen und erbte nach dessen Tod 1988 die Reste von Friedlaenders Handbibliothek mit unter anderem drei kostbaren Kant-Erstausgaben, die jetzt im Deutschen Literaturarchiv Marbach sind, sowie die in Kisten und Kasten aufbewahrten frühen Drucke, Typoskripte, Briefe und Manuskripte F/Ms. Mitsamt den Urheberrechten.

Salomo Friedlaenders vieltausendseitige Schriften liegen mittlerweile im Archiv der Berliner Akademie der Künste, und aus dem Verkauf finanziert Geerken in der nach seinem bayerischen Wohnort Wartaweil bei Herrsching am Ammersee benannten Edition Waitawhile die 30-bändige F/M-Gesamtausgabe. Kein bedeutender deutscher Verlag und keine der zahlreichen Kulturstiftungen und Literaturfonds fand sich zur schnellen Unterstützung bereit. Hartmut Geerken: „Wir haben in fünf Jahren zehn aufwendige Bände herausgebracht und wollen in den nächsten fünf Jahren die gesamte Ausgabe stemmen. Das hätte auf den offiziellen Wegen der Wissenschaftsverlage, Akademien und Stiftungen ungefähr dreimal so lange gedauert. Um das abzuwarten bin ich viel zu ungeduldig.“

Eine mit Geerkens Lizenz im Georg Olms Verlag herausgekommene Sonderausgabe von Friedlaenders einst für seinen Sohn geschriebenem Bändchen „Kant für Kinder“ steht immerhin auf der Liste der von den Nazis verbrannten Bücher und befindet sich heute in etwa tausend Schulbibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Doch Friedlaender selbst blieb wohl zeitlebens ein großes altkluges Kind, zerrissen zwischen Kant und Kalauer, zwischen literarischem Schabernack und der philosophischen Vision eines neuen menschlichen Naturzustands: einer im inneren Sonnensystem und universellen Äther versöhnten Harmonie der Pole Vernunft und Emotion, Raum, Sein und Zeit. Friedlaender suchte dabei auf den Spuren Kants, Schopenhauers und Nietzsches – und gegen die Relativitätsphysik Albert Einsteins gewandt – seine eigene kosmische „Weltformel“.

Die hat er naturgemäß nicht gefunden. Als „Chaplin der Philosophie“ war er ein Wort- und Gedankenspieler, streitend für „Immanuel Unbekannt“ und bekennend, „zwei Brüste wohnen ach in meiner Seele“. Manchmal aber ist der hirnwütige Philosoph auch ein großer, entspannter Poet – und ein Visionär. Man lese in den Grotesken etwa das schöne Märchen „Von der Wolke, die so gern geregnet hätte“, staune darüber, dass Mynona mit der „Idee vom Ferntaster“ bereits 1913 den Cybersex erfunden, zehn Jahre später Hitlers deutsche Judenvernichtung erahnt und in der nur zweieinhalbseitigen Vatermörder-Moritat „Mein Sohn“ 1910 den halben Kafka vorwegerzählt hat. Sein letztes Buch, 1935 in einem Pariser Exilverlag erschienen, hieß übrigens „Der lachende Hiob“. Es kommt wieder, im neuen Jahr.

Salomo Friedlaender / Mynona: Grotesken. 2 Bände, 693 und 689 Seiten mit Abb., zusammen 137 €.

Friedrich Nietzsche. Eine intellektuale Biographie. 290 S. mit Abb., 34,90 €. Alle Edition Waitawhile via Books on Demand, Herrsching/Norderstedt 2008 und 2009.

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