Philosophie : Der Mensch im Plural

Denken im Dialog: Was verband eigentlich Günther Anders mit Hannah Arendt? Ein Erinnerungsporträt gibt Auskunft.

Thomas Wild

Über die Beziehung von Hannah Arendt und Günter Anders wollte man schon lange Genaueres wissen. Er kritisierte mit seiner „Antiquiertheit des Menschen“ (1956/1980) das Leben in der technisierten Welt. Sie forderte mit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) und „Über die Revolution“ (1963), das Politische angesichts der Brüche im 20. Jahrhundert neu zu begreifen. In den frühen dreißiger Jahren waren die beiden, die in den Sechzigern viel diskutierte Bücher zum Eichmann-Prozess publizierten, miteinander verheiratet. Vor den Nazis flohen sie ins Exil. Das lebensrettende Affidavit für die USA erhielt Arendt von Anders, der vor ihr nach Amerika gelangt war. Da waren sie schon geschieden. Als Arendt im Dezember 1975 aber in New York starb, begann Anders in Wien sofort ein dialogisches Erinnerungsporträt zu schreiben. Dieses Dokument wird nun erstmals veröffentlicht.

Fast könnte man es für ein Idyll halten: Ein junges Paar – beide hatten bei Heidegger studiert – sitzt 1929 in Drewitz bei Potsdam auf dem Balkon, isst Kirschen und „symphilosophiert“. Im Dialog entkernen sie den „Singularisierungsschwindel“ der Philosophe. Handelt ein System von „dem Menschen“ in der Einzahl und verwischt dabei die Unterschiede zwischen Privilegierten und Erniedrigten, entlarve es schlicht seine „metaphysische Wichtigtuerei“. Eine andere Sequenz dreht sich darum, dass der Beruf des Philosophen einen nicht vor Dummheiten bewahre. Das bewiesen all jene Denker, die Krieg und Ideologien feierten, obwohl die eigenen Freunde darin umkamen. Stets denkt Anders voraus, was für Arendt später zentrale Begriffe werden: Pluralität, Unabhängigkeit, Urteilskraft.

Anders spart nicht mit Hinweisen, dass die nachträglich aufgezeichneten Dialoge vor allem als Spiel zu lesen seien. Dies weiter zu enfalten, wäre Aufgabe der Edition gewesen. Doch das Nachwort sucht wie besessen „positionstheoretische“ Gemeinsamkeiten und sogar Abhängigkeiten zwischen Anders und Arendt. Als lebe ein vielschichtiges intellektuelles Verhältnis nicht mindestens so sehr in seinen Differenzen. Noch fahrlässiger als diese Verzerrungen sind die unausgewerteten Dokumente. Warum wurde die Korrespondenz zwischen Arendt und Anders, die über 50 Schriftstücke aus fast vier Jahrzehnten umfasst, nicht abgedruckt? Man kann davon ausgehen, dass jedes Blatt daraus wertvoller gewesen wäre als ein 70-seitiges Nachwort, das den Lesern weismachen will, die Korrespondenz jener großen Intellektuellen „ist geringen Umfangs und geistesgeschichtlich kaum von Belang“. Thomas Wild

Günther Anders: Die Kirschenschlacht. Dialoge mit Hannah Arendt. Hrsg. von

Gerhard Oberschlick. Nachwort von

Christian Dries.

C.H. Beck, München 2012. 144 S., 16 €.

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