Philosophie : Geschichte vor Gericht

Der israelische Philosoph Avishai Margalit warnt in seiner Mosse Lecture an der Humboldt.Universität vor einer "History in Court"

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Mitbegründer von "Peace Now". Avishai Margalit. Foto: Wikipedia
Mitbegründer von "Peace Now". Avishai Margalit.Foto: Wikipedia

Wie oft bewegt eine trotzige Hoffnung die Verlierer. „Die Geschichte wird über mich befinden“, erklärte Hosni Mubarak, nachdem man ihn aus dem Amt gejagt hatte. „Die Geschichte wird das Urteil über uns sprechen“, verteidigte Tony Blair seine Einwilligung zum Irakkrieg. Und George W. Bush nahm von seiner Präsidentschaft Abschied, indem er erklärte: „Die Geschichte hat das letzte Wort“. So zumindest zitierte der israelische Philosoph Avishai Margalit die drei Staatsmänner, um in seiner Mosse Lecture „History in Court“ an der Humboldt-Universität ein Bild infrage zu stellen, das sich allzu leichtfertig einschleicht. Denn was soll es bedeuten?

Wenn ihm die Vorstellung zugrunde liegt, dass Geschichte ein verborgenes Ziel habe und man ihren Wirkkräften nur ins Handwerk pfusche, indem man sich von Zeit zu Zeit – demokratisch oder revolutionär – ihrer Akteure entledigt, ist das metaphysischer Unsinn. Aber auch wenn man Geschichte sehr viel pragmatischer als Berufungsgericht betrachtet, „vor dem das erstinstanzliche Urteil – das Urteil der Gegenwart – in einem künftigen Verfahren aufgehoben werden soll“, bleibt das Bild fragwürdig. Es ist für Margalit nichts anderes als die säkulare Version des Jüngsten Gerichts, mit dem Unterschied, dass Lohn und Strafe nicht an die Idee der Auferstehung, sondern an die des Nachruhms gebunden sind.

Die Problematik beider Auslegungen ist offensichtlich. Je mehr man sie allerdings attackiert, desto schneller geht darüber die Einsicht verloren, dass Geschichte laufend revidiert wird: manchmal in naher, manchmal in ferner Zukunft, vor allem aber in Nuancen und meist stillen Verfahren, die weder Ankläger noch Verteidiger noch höchstrichterliche Entscheidungen brauchen. Es ist das Geschäft jeder Erinnerung, der privaten, der kollektiven und der in Schrift, Bild und Stein objektivierten. Mit Wittgenstein das Messer der Metaphernkritik zu wetzen, geht auch an einem politisch-historischen Alltag vorbei, der vor tatsächlichen Gerichten verhandelt wird – von Adolf Eichmann bis zu Christian Wulff. Worauf also war dieser sonst so begriffsscharfe Analytiker aus?

Avishai Margalit, lange Professor an der Jerusalemer Hebrew University, Mitbegründer der israelischen „Peace Now“-Bewegung und Autor blendend geschriebener Bücher wie „Politik der Würde“, verhedderte sich in allzu vielen Argumentationssträngen – und einem innerjüdischen Diskurs, der dem Leitthema der diesjährigen Mosse Lectures, „Europa im Blick der ,Anderen’“, nicht gerecht werden konnte. Ausgehend von der Figur des hellenistisch-jüdischen Historikers und Militärkommandeurs Flavius Josephus, der im Krieg zwischen Jerusalem und Rom zu den Römern überlief, erinnerte er sich daran, wie er als 13-Jähriger an seiner linken zionistischen Schule in einem nachgestellten Prozess die Rolle des angeklagten Josephus spielte und gute Gründe fand, ihn zu verteidigen. Lion Feuchtwanger widmete Josephus eine ganze Romantrilogie.

Es ist diese Erfahrung, die Margalit heute zwischen dem Historiker als Wissenschaftler, als Beteiligter eines Gerichtsverfahrens und als Geschichtenerzähler unterscheiden lässt. Geheuer ist ihm dabei allein der Erzähler. Er verleiht der Vergangenheit als Einziger Sinn. Diese Aufgabe geht für ihn durchaus mit dem Anspruch auf historische Wahrheit einher – was immer das nun heißt. Denn er differenzierte nicht ansatzweise nach Fakten und Interpretationen, nicht nach Geschichtsschreibung und purer Augenzeugenschaft. Die Voraussetzungen einer unparteilichen Darstellung mögen sich noch definieren lassen. Doch auch nur zu hoffen, dass daraus eine gültige Version erwachsen könnte, ist verwegen.

Den Beweis lieferten die zurückliegenden Mosse Lectures. Sowohl der chinesische Ideenhistoriker Wang Hui wie der Globalgeschichtler Sebastian Conrad von der Freien Universität zeigten eindrücklich, wie asiatische Taxonomien den Glauben des Westens an universale Wahrheiten untergraben. Das ist nicht Skepsis oder gar Dekonstruktivismus – bis zu einem gewissen Grad ist es schlicht Menschenkenntnis. Gregor Dotzauer

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