Kultur : Philosophie muß tanzen

WOLF KAMPMANN

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt der Begriff Illbient als Sesam-öffne-dich für die Musik des 21.Jahrhunderts.Er beschrieb eine Art Ambient, die illegal mit Inhalten spielte.Das in Brooklyn ansässige Trio We galt mit seinem Album "As Is" als Vorreiter jener Bewegung.Ein Projekt von DJs und Programmierern: We markierten einen ganz neuen Typ von Band, indem sie die Funktionen innerhalb des Klangerzeugungsprozesses völlig neu aufteilten.Ähnlich DJ Spooky lösten sie sich ganz schnell von kategorischen Einschränkungen jeder Art und griffen auf ein reiches Reservoir von Sounds aller Zeiten und Kontinente zurück, um jenseits aller Ethno-Klischees ihren eigenen urbanen Klang-Gobelin von New York zu knüpfen.

Es gebe zwei Formen des Deejaying, erklärte DJ Olive, einer der drei Protagonisten von We anläßlich des Erscheinens ihres Debüt-Albums."Die eine ist mit dem Klavierspielen vergleichbar.Wenn du mit anderen Musikern auf der Bühne stehst und keine Songs spielst, sondern ausschließlich Sounds, dann sind deine Turntables nichts anderes als ein Piano oder ein Horn.Das ist eine andere Form des Ausdrucks, als allein mit drei Plattenspielern auf der Bühne zu stehen und wie ein Komponist die totale Kontrolle über den Mix zu haben."

Schon der Name We ist Ausdruck einer kollektiven Erschließung von Sounds.Programming, Sequencing und Deejaying von DJ Olive, Lloop und Once 11 sind derart verzahnt, daß ohne eine dieser Komponenten das ganze filigrane Gebäude zum Einsturz verdammt wäre.Im Gegensatz zu anderen elektronischen Projekten geht es nicht um eine esoterische Selbsterfahrung, sondern um die Aneigung von Realität.DJ Olive sucht den Vergleich zur visuellen Kunst."Wenn ein Maler ein Gemälde beginnt, kann er sich auch nicht nur im Studio herumdrücken.Er muß rausgehen und Leben einfangen.Platten auflegen, hören und kaufen ist natürlich die Grundlage für all das Wissen und die Erfahrung, die wir im Studio benötigen.Da können wir nichts dem Zufall überlassen, denn sonst würden wir nur an der Oberfläche des Beats kratzen."

Galten We bislang als die Intellektuellen der Elektronik-Szene schlechthin, wollen sie sich mit ihrem zweiten Album jedoch von diesem Image lösen."Wir orientieren uns wesentlich stärker an Tanzmusik", meint Lloop."Für uns ist es keine Herausforderung, weiter auf jenem Territorium zu agieren, auf dem wir uns ohnehin auskennen.Du kannst nicht dein Leben lang Avantgardist sein.Wir suchen nach neuen Sprachen, in denen wir uns ausdrücken können."

We sind drei einander ergänzende Elektronik-Philosophen, die Musik als Sprache definieren.Jeder Stil, jedes Genre ist eine Sprache, die nach Übersetzung verlangt.Wie mit den Standards einer solchen Übereinkunft - denn nichts anderes ist Sprache letztlich - umgegangen wird, liegt an jedem einzelnen.We sind Meister der Improvisation innerhalb fester Installationen.So fügen sie die unzähligen Zungen der zeitgenössischen Musikästhetik zu einem neuen Kontext zusammen.Sie haben ein Vokabular aufgebaut, das sie je nach Raum und Situation in ganz unterschiedliche Zusammenhänge stellen.Indem sie ihren technischen Apparaturen so viele menschliche Seiten wie möglich abgewinnen, weiß man nie so recht, woran man ist, bevor man sich auf sie einläßt.Es ist ein Klangabenteuer irgendwo zwischen den lichten Höhen zeitgenössischer Konzertmusik und den Untiefen von Kitsch, Tanz und Entertainment.

Das DJ-Trio We tritt am 5.2.ab 22 Uhr im Maria am Ostbahnhof auf

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