Kultur : Philosophiefestival Citéphilo: Im Wirtshaus Zum ewigen Frieden

Katrin Hillgruber

Kant, Humboldt, Heidegger hieß das Dreigestirn, das insgeheim über den rauchenden Köpfen im Literaturhaus thronte. Martin Heidegger, der seine Antrittsvorlesung in SA-Uniform hielt und doppeldeutig vom "Sturm" sprach, gilt den französischen Philosophen trotz aller Ambivalenzen als bedeutendster Denker des 20. Jahrhunderts. Wilhelm von Humboldt, Urahne des vergleichenden Sprachstudiums, betrachtete die Sprache nicht als bloßes Vehikel des Denkens, sondern als schöpferisches Medium. Und schließlich Immanuel Kant: Als 1796 seine Altersschrift "Zum ewigen Frieden" zeitgleich in Königsberg und im postrevolutionären Frankreich erschien, entstand ein folgenreiches Missverständnis. Bis heute wirft es ein Schlaglicht auf die unterschiedlichen Mentalitäten der Nachbarländer: Während der von Kant gewählte Titel etwas Beharrendes, wenn nicht Gemütliches nach Art von Wirtshausschildern wie "Zum goldenen Hirschen" an sich hat, übersetzten die Franzosen "Zum ewigen Frieden" mit "Vers la paix perpetuelle", "Dem Frieden entgegen" - nicht ins Wirtshaus, sondern zügig zum Bahnhof ging es jetzt. "Der ekle Pariser wird sich nie dazu verstehen, Kant zu lesen", soll Humboldt später gezetert haben.

Heinz Wismann, Forschungsleiter an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales, gab diese symbolische Anekdote zum Besten. Da befand er sich mit Barbara Cassin, Philippe Büttgen und dem TU-Professor Günter Abel bereits aufs Angeregteste in der Diskussion "Von der Unübersetzbarkeit oder Wie widersteht man der Einheitssprache?". Sie eröffnete programmatisch das vierte Festival Citéphilo, das ein Europa der Kultur gegen ein Europa des Euro setzt.

Die Idee, den Eros der Philosophie zur öffentlichen Angelegenheit zu machen und die Disziplin außerhalb der Universitäten zu erneuern, entstand in Lille. Citéphilo erfreut sich dort größter Beliebtheit und hat inzwischen sogar Kaufhäuser als Veranstaltungsorte erobert. Das örtliche Goethe-Institut, das das Festival unterstützt, wurde von vierzig auf zwei Mitarbeiter verkleinert, wie FU-Professor Gunter Gebauer berichtete. Gemeinsam mit dem Derrida-Fachmann Michael Wetzel begrüßte er die französischen Gäste, die ja eigentlich die Gastgeber waren. In Lille wirkt seit 1961 der klassische Philologe Jean Bollack. Er hat nicht erst mit seinem Buch "Sens contre sens" eine eigene Schule der Hermeneutik begründet. Bollack verfolgt einen radikal neuen Ansatz der Analyse von Texten der griechischen Antike. Die Freundschaft mit Paul Celan, über den er zuletzt die Studie "Paul Celan - Poetik der Fremdheit" veröffentlichte, bewog ihn einst, Deutsch zu lernen.

Als weißhaariger Doyen von Citéphilo war der 78-Jährige nach Berlin mitgereist. Dank seiner perfekten Zweisprachigkeit verschaffte er den Simultandolmetschern eine Atempause. Er entfaltete seinen entschieden rationalistischen Ansatz des Lesens, wobei er sich von der "Läuterungsaufforderung" und den ontologischen Lektüre-Prämissen Gadamers distanzierte.

Die französischen Philosophen sind nach Berlin als erster Auslandsstation gekommen, um ihre Ideen in die Stadt zu tragen. Stadt wird hier nicht als ville verstanden, sondern als Civitas, als öffentlicher Diskussionsraum. Dieses Konzept ging im Zusammenwirken mit dem gebannten Publikum aufs Schönste auf: Romanisches Temperament und die Clarté aus dem Mutterland der Aufklärung wirkten mitreißend, ob bei Barbara Cassins Interpretation der Sophistik ("Sie zeigt, wie das Sein ein Produkt des Sagens ist") oder beim Vortrag von Michel Guerin von der Universität der Provence.

Der Ästhetik-Spezialist hielt ein flammendes Plädoyer für das Erstaunen als konstitutives Element der Philosophwerdung und für eine historische Ordnung des Diskurses, für das "Dann denken" Heideggers. Damit wandte er sich vehement gegen die hegemoniale angelsächsische Denkschule und ihre Indifferenz der fachlichen Tradition gegenüber. Er konstatierte eine geistige Intoleranz, wie sie einst dem Strukturalismus zu eigen gewesen sei.

Dem Nachdenken über das philosophische Fragen war am ersten Tag die Auseinandersetzung mit der guten alten Metaphysik vorausgegangen. Sie fiel schonend aus, denn, so Günter Abel, durch die Verpflichtung der Philosophie auf die Sprache müsste das Ende der Metaphysik folglich mit dem Ende der Sprache zusammenfallen. Damit fängt es schon an: "Sprache" lässt sich sowohl mit "langue" als auch mit "langage" übersetzen. Begriffe der deutschen Philosophie des Idealismus wie "Lebenswelt" oder "Gemüt" gelten bis heute als nicht übertragbar. Und ein Wort wie "Beruf", das das protestantische Ethos der Arbeit als Selbstzweck beinhaltet, wird weder von profession noch von métier hinreichend wiedergegeben, wie Phillipe Büttgen erläuterte, Mitarbeiter am Projekt eines europäischen Philosophielexikons. Übersetzbar ist also nur die Unübersetzbarkeit - optimistische Aporien dieser Art sind typisch für Citéphilo. Der Erfolg des philosophischen Gastspiels lässt nur einen Schluss zu: da capo!

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