Philosophin Susan Neiman : Peter Pan kann einpacken

Zwischen Empirie und Moral: Die Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, hält in ihrem jüngsten Buch ein Plädoyer fürs Erwachsenwerden.

Meike Feßmann
Anwältin der Mündigkeit. Susan Neiman.
Anwältin der Mündigkeit. Susan Neiman.Foto: Bettina Volke/Hanser

Es ist seltsam mit dem Erwachsensein: So richtig verlockend ist es eigentlich nur, wenn man noch nicht erwachsen ist. Was sich Kinder und Jugendliche als das große Reich der Freiheit vorstellen, in dem sie endlich machen können, was sie wollen, stellt sich ein paar Jahre später als nicht besonders amüsante Veranstaltung heraus. Was passiert unterdessen? Wie kommt es, dass wir die Jugend glorifizieren und das Erwachsensein abwerten? Lässt sich ein positives Bild des Erwachsenseins denken, das nicht resignativ ist?

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman, 1955 geboren und seit 15 Jahren Leiterin des Einstein Forums in Potsdam, hat diesen Fragen nun ein ganzes Buch gewidmet. Schon ihr letztes Werk, „Moralische Klarheit“, hatte den Untertitel „Leitfaden für erwachsene Idealisten“. Das Erwachsensein hat es ihr ebenso angetan wie der Idealismus. Kants Formulierung, Aufklärung sei der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, ist so etwas wie der rote Faden ihrer Argumentation. Dass Peter Pan zum Leitbild vieler Erwachsener werden konnte, ist in ihren Augen kein Zufall. Denn die Infantilisierung der Gesellschaft ist für Politiker ebenso bequem wie für ein neoliberales Wirtschaftssystem. Die Leute kaufen ihre „Spielzeuge“, wie sie die ganzen Konsumartikel nennt, die man eigentlich nicht benötigt, und halten sich als kritische Bürger zurück.

Wenn man einmal annimmt, diese Diagnose sei richtig, kann es dann genügen, den gegenwärtigen Bewohnern des Planeten mit Kant und Rousseau die Freuden des „Selbstdenkens“ nahezubringen? Denn das versucht Susan Neiman. Im historischen Teil ihrer Abhandlung bietet sie auf höchst sympathische Weise einen gut lesbaren Ritt durch die „Kritik der reinen Vernunft“ und die „Kritik der Urteilskraft“ und feiert Jean-Jacques Rousseaus „Emile“ als „den einzigen umfassenden Versuch in der Philosophiegeschichte, ein Handbuch fürs Erwachsenwerden zu verfassen“. In jenem Teil, der sich um die Gegenwart dreht, macht sie ein paar Vorschläge, wie man sich selbst zu einem mündigen Erwachsenen erzieht: etwa indem man reist und Sprachen lernt, besser noch mindestens ein Jahr im Ausland arbeitet, öfter mal eine Woche ohne Internet verbringt und Klassiker liest. Dass sich das heillos naiv anhört, weiß die Philosophin, deren große Studie „Das Böse denken: eine andere Geschichte der Philosophie“ auch als Reaktion auf 9/11 wahrgenommen wurde. Also versucht sie, dieses Wissen in ein Argument zu verkehren: es gebe vielleicht keine größere Furcht für Erwachsene als die Furcht, kindisch oder naiv genannt zu werden. Sie in den Wind zu schlagen, sei deshalb ganz besonders mutig.

Auch wenn es einleuchtet, dass Erwachsensein bedeutet, die „Kluft zwischen Sein und Sollen“ erfahren zu haben und dennoch keinen der beiden Bereiche aufzugeben, springt sie etwas unglücklich zwischen Empirie und Moral hin und her. So behauptet sie beispielsweise, wir würden jungen Erwachsenen sagen, das Alter zwischen 18 und 30 sei die beste Zeit des Lebens, danach werde alles nur noch schlimmer. Das sei in der Tat sehr entmutigend. Aber wer sagt das wirklich? Susan Neiman behauptet es gleich zwei Mal, wie eine empirische Tatsache, variiert dabei aber nicht nur die Altersangaben, beim ersten Mal spricht sie vom Alter zwischen 16 und 26, sondern behauptet sogar, es handle sich um „die schwerste Zeit“ des Lebens. An anderer Stelle erklärt sie dagegen völlig richtig, dass sich darüber keine allgemeinen Aussagen treffen lassen.

Das Herzstück der Untersuchung ist ohne Zweifel der mittlere von drei Teilen, in dem es um „Säuglinge, Kinder, Jugendliche“ geht. Mit Hannah Arendts Grundbegriffen der „Natalität“ und der „Pluralität“ erschließt sie uns den Beginn jeden Lebens als die Möglichkeit des gänzlich Neuen, das eingebettet ist in die Neigung zur Geselligkeit. Ein Säugling, der über einen Schlüsselbund staunt, oder ein Kleinkind, das Vergnügen daran findet, den Brei immer wieder vom Löffel zu pusten und so zu erproben, was Erwachsene Schwerkraft nennen: Das sind kleine Vignetten des Sinns und der Lebenslust. Das Vertrauen des Kindes, dass die Welt und es selbst gut zusammenpassen, weil etwa der Vogel des Mobiles immer wieder die gleiche Bewegung macht, wenn es an der Schnur zieht, ist in der Tat ein schönes Bild dafür, wie wir die Welt gern hätten. Der Erzieher in Rousseaus „Emile“ versucht seinem Zögling so lang wie möglich eine sinnvolle Welt vorzugaukeln. Susan Neiman beschreibt diese Herkulesaufgabe mit unverhohlener Sympathie.

Dass die meisten Eltern ihren Kindern ein Leben ermöglichen wollen, das es glücklich macht, geboren zu sein, ist eine wunderbare Sache. Und ebenso, dass die Urteilskraft mit dem Alter zunimmt. Die Gegenstände aber, auf die sich diese Urteilskraft bezieht, haben sich seit dem 18. Jahrhundert auf eine Weise verändert, die Susan Neiman viel zu wenig in ihre Studie einbezieht. Ihre Pointe besteht am Ende darin, dass sich Erwachsenwerden nur als „subversives Ideal“ begreifen lasse, das einen „Prozess permanenter Revolution“ erfordere. Das klingt allzu sehr nach Lieblingsbegriffen, die sie ihrem Gegenstand einfach überstülpt. Dabei legt ihre Argumentation eine sehr viel schlichtere Wahrheit nahe: Man ist spätestens dann unwiderruflich erwachsen, wenn man sich für einen anderen Menschen verantwortlich fühlt.

Susan Neiman: Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Hanser Berlin, München 2015. 240 Seiten, 18,90 €

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