Kultur : Pianissimo

Der große Virtuose Alfred Brendel nimmt seinen Abschied in Berlin

Jörg Königsdorf

Es ist die besondere Qualität von Abschiedskonzerten, dass sie an nur einem Abend ein ganzes Interpretenleben wachrufen. Egal ob sie sich als rauschende Feste, provokative Infragestellungen oder vergnügt-entspannte Gesten erweisen – in der ultimativen Programmwahl des Interpreten steckt der Kern dessen, was er seinem Publikum über Jahrzehnte vermitteln wollte.

Auch Alfred Brendel dürfte die Wahl für seinen Abschied von Berlin und der Philharmonie, von Simon Rattle und den Philharmonikern im Bewusstsein dieser Tragweite getroffen haben. Für seinen letzten Auftritt als Pianist hat er Mozarts c-Moll-Konzert ausgesucht, den leisestmöglichen aller Konzertabschiede. Kein beseligt apollinischer Reigen wie das Finale des B-Dur-Klavierkonzerts steht am Schluss dieses melancholisch verschatteten Werks, sondern ein paar dahinhuschende Läufe. Musik, die sachte zu entgleiten scheint, die sich auf Zehenspitzen aus dem Rampenlicht hinausstiehlt. Sag’ zum Abschied leise Mozart.

Eine kluge Wahl. Im sachten Zurückweichen der Musik klingt auf schöne, diskrete Art der Grund für das selbst gewählte Ende der pianistischen Laufbahn des 77-Jährigen an: Die Sorge, bei nachlassenden Kräften irgendwann Mozart, Beethoven und Schubert nicht mehr so erfassen zu können, wie es die eigenen Maßstäbe verlangen. Ohnehin war es Brendel nie ums Blendende oder Bombastische zu tun. Obwohl er schwere und schwerste Klavierwerke meisterte (Schumanns Fantasie oder Brahms’ Klavierkonzerte), hat er nie pianistisches Preisboxertum betrieben, nie die Virtuosenpranke zur Schau gestellt. Selbst Liszt war bei ihm die Musik eines Denkers und Neuerers, getragen von tiefer humanistischer Überzeugung. Und Beethoven, Mozart, Schubert, die Grundpfeiler seines Klavierspiels, waren für Brendel immer Musik, die mit jedem Ton Empfindungen zum Leben erweckte – Witz oder Trauer, Glück oder Resignation.

Es war diese schlichte, in ihrer Anteilnahme und Erzählfreude manchmal fast naiv klingende Stimme, die in der Klassikwelt der siebziger Jahre für Furore sorgte. In einem Klima versachlichter Interpretationshaltungen erinnerte sie daran, dass Musik auch das Herz nähren kann, ohne den Kopf darben zu lassen. Bis dahin hatte Brendel als respektabler, aber keineswegs außergewöhnlicher Pianist aus dem Umkreis der Wiener Klavierschule gegolten, hatte sich mit unverkrampften, musikantischen Einspielungen für kleinere amerikanische Labels eine solide Position in der internationalen Konzertszene erarbeitet und schon 1961 bei den Berliner Philharmonikern debütiert. Der Star jener Jahre aber war Friedrich Gulda, in seinem Halbschatten gedieh Brendel eher unauffällig, neben Kollegen wie Ingrid Haebler, Paul Badura-Skoda und Jörg Demus.

Mag sein, dass die zunehmende Verweigerung Guldas gegenüber dem Klassikbetrieb auch Brendel zu Hilfe kam (nützlich auch der mit Philips abgeschlossene Exklusivvertrag). Die Aufnahmen von damals zeigen jedoch, dass sich der unverwechselbare Brendel-Stil Anfang der siebziger Jahre quasi explosionsartig entwickelte: Ein bei Pianisten seltenes Beispiel für einen künstlerischen Reifeprozess, der erst nach dem 40. Lebensjahr an Dynamik gewinnt.

Tatsächlich hat Brendel die Beredtheit des Ausdrucks immer weiter zu konzentrieren gewusst. Dass er beispielsweise Beethovens Klavierkonzerte viermal auf Platte einspielte, hat durchaus seine künstlerische Berechtigung. Gerade der letzte, mit Simon Rattle am Pult aufgenommene Zyklus ist das Meisterstück einer Pointierungskunst, die das Kleine groß zu machen versteht und den Wechsel von Heiterkeit zu Traurigkeit in einer einzigen Wendung vollzieht.

Auch deshalb ist Brendels Abschiedsabend bei den Philharmonikern der schlüssige Endpunkt einer Entwicklung: Immer wieder mündet die Musik in lakonisch auf wenige Noten verknappte Gesten. Und schon beim ersten Einsatz des Pianisten liegen Entsagung, Wehmut und Aufbäumen in nur einer Handvoll Noten. Vor allem an diesen Stellen und nicht im verbindenden Passagenwerk erweist sich noch einmal Brendels große Kunst. Dass er sich im Verlauf des zweiten Satzes Umspielungen der schlichten Larghetto-Romanze erlaubt, steht gar nicht im Widerspruch zum schlichten Ernst des Kopfsatzes, sondern lässt befreit aufatmen. Mag der Pianist Brendel ab heute Geschichte sein, sagen diese launig improvisierten Ranken, die Rattle am Pult verblüfft-amüsierte Blicke entlocken – der Musiker denkt und wirkt weiter.

Simon Rattle und die Philharmoniker tragen Brendel an diesem Abend nicht nur auf Händen, sondern haben auch eine hübsche Huldigung vorbereitet. Haydns „Oxford“-Sinfonie passt nicht nur zum Anlass, sondern ist auch ein Zeugnis des innigen Einverständnisses zwischen Chef und Orchester. So witzig, charakterstark und detailfreudig hört man Haydn anderswo kaum. Als wollte das Orchester zeigen, dass es von Brendels Humor (der bei Mozart werkbedingt nicht zum Tragen kommt) gelernt hat.

Schade nur, dass der Solist – vor der Pause nicht im Saal – die Hommage nicht selbst hören kann und nach der Pause mit Brahms’ etwas speckig gespielter erster Sinfonie vorlieb nehmen muss. Aber er kann ja wiederkommen. Und sich ganz entspannt seine Gedanken machen.

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