Pianist Lang Lang : Fluch des Virtuosen

Neues von der musikalischen Globalisierungsfront: Lang Lang entdeckt Beethoven – und verfehlt sich selbst. Derzeit befindet sich Lang Lang auf Open-Air-Tournee durch deutsche Landen.

Christine Lemke-Matwey
Lang Lang
Foto: ddp

Was kann Lang Lang? Diese etwas eifernde, zwangsläufig rhetorische Frage stellte Joachim Kaiser vor einem Dreivierteljahr in der „Süddeutschen Zeitung“. Und blieb die Antwort, nun ja, schuldig. Dem Künstler, dem gewiefteren Teil des Publikums – und sich selbst gegenüber. Statt dessen: Viel dröhnendes, tönendes Schweigen über einen klassischen Pianisten, der sich mit einer Energie sondersgleichen längst in die traurigen Gefilde internationaler Megastars katapultiert hat. Der in öffentlichen Restaurants nur mehr hinter blickdichten Paravents speisen kann, im Internet einen eigenen „Merchandise Shop“ mit billiger T-Shirt-Ware unterhält und selbstredend auch in der schönen neuen Welt des „Second Life“ bereits einhellig bejubelt wurde.

Die Liste solcher Allgegenwärtigkeitsstrategien ließe sich beliebig verlängern, und so ertappte man sich denn bei einem verstohlenen, aber herzhaften Gähnen, als selbst der „Spiegel“ dem Phänomen jüngst mehrere Seiten widmete. Gemessenes Achselzucken indes auch hier: Weder das Messerwetzen gegen die eingeschlafenen Bildungsbürgerfüße der Klassik im Allgemeinen wollte recht funktionieren, noch die Begeisterung über die yuppiemäßige Kaltschnäuzigkeit des 24- Jährigen recht zünden. Und so stand am Ende die Frage, ob man mit dem Wunderpianisten vielleicht doch besser über Turnschuhe reden sollte als über Musik.

Ausverkaufte Konzertsäale

Derzeit befindet sich Lang Lang auf Open-Air-Tournee durch deutsche Landen. Hanau, Stuttgart, Salem, Köln. Und zum krönenden Abschluss die Berliner Waldbühne. Mit Barenboim, dem Pianistendirigenten, Mentor und ausgefuchsten Sahneabschöpfer. Den kleinen Chinesen nämlich wollen mehr Menschen hören, als in einen Konzertsaal landläufig hineinpassen. Und was ist das hiesige Wetter, was sind Starkregen und Mini- Tornados schon gegen das Des-Dur Thema, ach, aus Tschaikowskys b-Moll Konzert (beliebt in Funk und Fernsehen) oder gegen Beethoven, unseren titanischen Wuschelkopf, der übrigens bis zu seiner finalen Ertaubung selbst ein gefeierter Klaviervirtuose gewesen ist.

Was also kann Lang Lang? Bei Chopin, findet Joachim Kaiser, entschieden zu wenig. Von „grausamen Unangemessenheiten“ ist im Blick auf die h-Moll Sonate die Rede und – schlimmstes Verdikt – von der galaktischen Ferne jener „seelischen Landschaften“. Gewiss, auch hier kann man sich einer kleinen Müdigkeit nicht erwehren, das Gegengähnen sozusagen zur schwankenden These, alles sei Pop auf Erden, auch und gerade die klassische Musik im 21. Jahrhundert. Zu augen-, ohren-, sinnfällig der kritische Reflex, stets das zu bemäkeln, wonach die gemeine Welt giert; altbacken und hanebüchen zugleich, jedenfalls in seiner Anmutung, künstlerische Bekenntnisse einzuklagen, Ausdruck, Leidenschaft, ja Tiefe und eine geistige Auseinandersetzung, wo ganze Stadien doch nur ein bisschen Spaß haben wollen. Auch wenn’s am Ende vielleicht die Wahrheit ist über Lang Lang & Co.

Flucht nach vorn

Was kann Lang Lang? Diese Frage, nicht faul, hat sich jetzt auch seine Plattenfirma gestellt und, tourneebegleitend, mit einer üppig aufgemachten Beethoven-CD beantwortet. Das erste und das vierte Klavierkonzert, begleitet vom Orchèstre de Paris unter Christoph Eschenbach, dem zweiten Mentor und Klavier spielenden Dirigenten. Eine Flucht nach vorn. Denn die Deutsche Grammophon, die bis heute Pianistenlegenden wie Wilhelm Kempff oder Swjatoslaw Richter in ihrem Katalog führt, weiß sehr wohl, was Lang Lang braucht, um als Zugpferd weiter bei der Stange zu bleiben: musikalische, menschliche Substanz. Und vielleicht, irgendwann, eine saftige, ihrerseits gut vermarktbare Krise. Mit den einschlägigen Elefanten-Konzerten jedenfalls war ihm diese Substanz ebensowenig beizubiegen wie mit Exkursionen ins chinesische Fach („Dragon Songs“) – und die Erträge bei Mozart, Schumann oder Chopin, wie gesagt, hielten sich in eher kümmerlichen Grenzen.

Es mag unlauter sein, die Beethoven- Ergüsse eines 24-Jährigen – das vierte Konzert spielt er seit 16 Jahren! – mit den Tiefblicken großer Interpreten zu kontern: Mit den historischen Referenzaufnahmen eines Wilhelm Kempff (unter Paul van Kempen), eines Swjatoslaw Richter (Charles Munch) oder eines Rudolf Serkin (Toscanini). Mit Barenboim, Brendel oder den rhetorisch sicherlich etwas zwanghaften Überlegungen des Franzosen Pierre-Laurent Aimard (unter Harnoncourt). Doch selbst wenn man sein gesamtes Hör-Gedächntis hier über Bord würfe und Herz und Hirn weit aufschlösse für die Schwächen, die Fesseln und Desiderate der Postmoderne: Das Ergebnis bleibt dennoch bestürzend.

Reiner Kitsch?

Dieser Beethoven kennt schlichtweg keine Form. Nicht Mozarts Schatten, nicht, spätestens im G-Dur Konzert, den quälerisch-explosiven Drang zum Symphonischen hin. Dieser Beethoven mäandert munter für sich hin: Was dem jungen Lang zum ollen Ludwig so gerade einfällt. Die Kadenz im ersten Satz des C- Dur Konzertes beispielsweise klingt, als würde einem mitten im Hauptgang eines Witzigmann-Menüs eine Tüte Marshmellows unter die Nase halten. Der zweite Satz, das Largo, versinkt (trotz einiger klanglich berückender Momente!) in leerer Betulichkeit, reinem Kitsch. Und die auftaktigen Juchzer im Hauptthema des abschließenden Rondos, sie bleiben ganz einfach störrisch kleben. Es ist, als habe das Junggenie Lang Lang seine Unschuld in einer Weise verloren, die ihn für ein Leben jenseits des Paradieses vorerst unbrauchbar macht. Früher, ganz früher, als alles einfach war, musste er wie Sterntalers Brüderlein nur die Hände aufhalten, waren die Töne wie von selbst nach oben offen und die Musik frei. Jetzt, da diese Zeiten unwiderruflich vorbei sind, muss Lang Lang gestalten, sich verhalten, sprechen, etwas sagen. Und kann es nicht. Und weiß nicht was.

Christoph Eschenbach ist ihm darin jedenfalls keine Stütze. Mal haut das Orchester krachend auf die Pauke, mal verkrümelt es sich nölend in den Hintergrund. Von den Blitzen, die bei Beethoven das Geschehen skelettös erbleichen lassen (Harry Goldschmidt), keine Spur. Auch im vierten Konzert nicht, das der Solist regelrecht gelangweilt angeht. Hat man je einen derart gleichgültig plumpsenden Anfangs-Quartsextakkord gehört? Der seinerseits vollkommen desinteressierte Dialog zwischen Diesseits und Jenseits im zweiten Satz, die Bratschenepisode im Finale und wie sie unmotiviert spielwütig unter die Räder kommt, ach herrje. Ein „Ins- Kraut-Schießen aller Mittel bei versagender innerer Kraft“ hat Hans Pfitzner ästhetische Entwicklungen wie diese genannt. Bitter, aber wahr.

Heute abend um 20 Uhr spielt Lang Lang mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin in der Waldbühne. Auf dem Programm: Beethoven.

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