Pianist Yundi in der Berliner Philharmonie : Leuchtende Melodien

In seiner Heimat China wird Pianist Yundi wie ein Popstar verehrt. Auch bei seinem Berliner Auftritt herrscht eine andere Atmosphäre als bei normalen Klassikkonzerten. Dabei sieht sich Yundi durchaus als ernsthaften Interpreten.

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An den Tasten gibt er den Popstar: Pianist Yundi.
An den Tasten gibt er den Popstar: Pianist Yundi.Foto: yundimusik / promo

Vielleicht mag es für das Renommee besser sein, vor einer mäßig gefüllten Philharmonie zu spielen als in einem prall besetzten Kammermusiksaal, aber günstig für die Konzertatmosphäre ist das nicht. Überhaupt wünschte man Yundi (der auch seinen Familiennamen Li der Promotion geopfert hat) ein etwas aufmerksameres Marketing: Weil auf dem mageren Programmzettel nicht nur an den Komponistennamen der chinesischen Werke des Programms gespart wurde, sondern auch bei den Kompositionen der europäischen Meister die Satzbezeichnungen fehlen, wird munter innerhalb der Werke applaudiert, so dass der Pianist sogar einmal höflich den Zeigefinger vor die Lippen hält.

Das ist schade - denn obwohl Yundi durchaus in der Lage ist, wie sein Landsmann Lang Lang ein breites Publikum mit purer circensischer Virtuosität in den Bann zu schlagen, so ist es doch gerade seine beherrschtere Ernsthaftigkeit, die ihn als Alternative interessant macht.

Seinen Durchbruch erlebte Yundi, als er im Jahr 2000 den Chopin-Wettbewerb gewann und es ist wohl kein Zufall, dass er in der großen C-Dur-Fantasie des Chopin-Bewunderers Robert Schumann am stärksten wirkt: Orchestrale Klangfülle, eine reiche Farbenpalette sowie eine delikate Verzahnung differenzierter virtuoser Spielfiguren mit der dennoch stets als eigene Schicht wahrnehmbaren kantablen Melodie zeichnen seine Interpretation aus.

Interessant ist, dass auch in den Stücke des chinesischen Repertoires wie etwa „Colour Clouds Chasing The Moon“ des in Paris ausgebildeten Ren Guang (1900 - 1941) die gleichen Stärken Yundis gefordert sind. Fast könnte man daher auf den Gedanken kommen, dass die Überzeugungskraft von Yundis Chopin- und Schumann-Interpretationen auch aus der glücklichen Verbindung zweier kultureller Traditionen entsteht.

Es wäre aber auch eine Erklärung dafür, warum der Pianist im Gegenzug den für die europäische Musik so wichtigen Entwicklungsgedanken etwas unterbelichtet. Besonders spürbar wird dies im Mittelsatz von Beethovens Appassionata: Das hymnische Thema entsteht hier nicht als Eingebung, die nach variierender Entwicklung verlangt, sondern wird - wenn auch mit großem Respekt - als vorgefundenes Material präsentiert, das erst in jenem Moment richtig zu leben beginnt, in dem mit den bewegten Sechzehntel- und Zweiundreißigstelfiguren eine neue, filigran funkelnde Schicht hinzutritt. 

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